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Freitag, 25. Oktober 2013

Von Mönchen und Poeten

Photo: Novy Dvur
Die Seite "Vie cistercienne selon la règle de saint Benoît" veröffentlicht das Programm einer Tagung über Mönche und Dichter. Die Zisterzienser können zahlreiche Poeten in ihren Reihen nennen, Zeitgenossen und historische Persönlichkeiten, bekannte und weniger bekannte Namen. Die "militia Christi" der Zisterzienser ist als markante Reformbewegung des westlichen Mönchtums bekannt. Die eher straff strukturierte Verfasstheit dieser monastischen Familie war zumindest bis zu den Veränderungen der letzten 50 Jahre geprägt von strenger Disziplin und größtmöglicher Verplanung des Tageslaufs. Einen poetischen Mönch in einer solchen Umgebung zu finden, könnte daher sonderbar anmuten. Das Klischee des vertrockneten, da strengen und streng erzogenen Zisterziensers kann trotzdem getrost ad acta gelegt werden. Wie überall, so wird es auch einen solchen gegeben haben und geben, aber der Beweggrund, Mönch werden zu wollen, liegt nicht in Rigidität oder Lust an der Strenge, sondern in der Leidenschaftlichkeit für Gott. Ein schönes Buch, vor Jahren schon erschienen und geschrieben vom verstorbenen Abt von La Trappe, Dom Marie-Gérard Dubois, heißt schlicht: Le Bonheur en Dieu, also: Die Freude an Gott. Neben den vielen leidenschaftlichen Texten der alten und weniger alten Zisterzienserpoeten kann dieser Buchtitel eigentlich beispielhaft verdeutlichen, zu was das Mönchtum zisterziensischer Prägung beruft, nämlich einzig zur Freude an und in Gott. Unmöglich für den Menschen, alle Gebote und alle Observanzen einzuhalten. Doch mittels der schieren Freude, in Gottes Gegenwart zu sein, wird das Unvermögen und die Sünde zum kontinuierlichen Anruf, sich zu Gott zu bekehren. Allein das reicht schon aus, um der Poesie weiten Raum geben zu können.          

Donnerstag, 19. September 2013

Tricenarium solemne

In der liturgischen Tradition der Zisterzienser hat sich über viele Jahrhunderte der Brauch erhalten, ab September ein feierliches Gedenken an die Heimgegangenen der Ordensfamilie zu halten. Vom 18. September ab (also mit der Vesper des 17. September) erinnert man sich in den Zisterziensergemeinden aller bekannten und weniger bekannten Verstorbenen des vergangenen Jahres der geistlichen Familie. Es war lange Zeit üblich, zusätzlich Psalmen zu beten und die Eucharistie besonders auch zum Gedächtnis dieser Verstorbenen zu feiern. Das feierliche Tricenarium fand zu einer Jahreszeit stand, in der in der Frühzeit der Zisterzienser die jährlichen Generalkapitel abgehalten wurden. Sicher hat beides miteinander zu tun.
Der eifrige Kommerz zwischen Klostergemeinde und der Gemeinde der Heimgegangenen ist hingegen geistlich überaus fruchtbar gewesen (und er kann es noch heute sein): In einer Zeit, wo Transzendenz in vielfältigen Formen anzutreffen ist - nicht nur in der Esotherik -, ist eine grundsolide Transzendenz eher zurückgedrängt worden. Die für uns greifbare Welt und Realität wäre für Christen ein Irrealis ohne die jenseitige Welt, deren Grenzen verschwimmen und sich sogar manchmal aufheben. In sie gehören die Verstorbenen, deren irdisches Leben sich in Jesus Christus vollendet hat. Unser Gebet und unser Gedenken ist ein Zeichen der Liebe und Achtung und gleichzeitig ein Akt der Sehnsucht. "Unsere Heimat ist im Himmel", schreibt der hl. Apostel Paulus. Dass sich der Himmel und die Erde nicht einfach voneinander trennen lassen, ist eine schlichte Wahrheit. Dass das Tricenarium Himmel und Erde verbindet und uns gleichzeitig dem Himmel ein Stück näherbringt, folgt eigentlich notgedrungen aus dieser Erkenntnis. 

Freitag, 12. April 2013

Cura animarum - das Kloster, die Kranken, die Gemeinschaft

Monte Sión - Photo: ocso.org
Auf der Webseite des Ordens - siehe hier - wurde gestern die Nachricht veröffentlicht, dass ein neues Kloster am 6. April offiziell eingeweiht werden konnte: Monte Sión in Toledo, Spanien. Wie die Überschrift schon verrät, handelt es sich um ein Kloster der anderen Art, ein medizintechnisch voll ausgestattetes Kloster für Mönche und Monialen der verschiedenen Zisterziensergemeinschaften Spaniens, jurisdiktionsübergreifend. Die Einrichtung eines solchen "Infirmariums", das nicht zu einer ganz bestimmten Klostergemeinde gehört, ist für die Zisterzienser in dieser Form Neuland. Dass man eine solche Lösung in Angriff nehmen musste, ergibt sich aus verschiedenen Überlegungen:
Die Gemeinden werden kleiner und älter, und gleichzeitig kann die moderne Medizin Erstaunliches bewirken, wenn es um die Vitalität und die Heilung von Älteren oder chronisch Kranken geht.
Die Schwestern oder Brüder, die für die Versorgung der Kranken in den Gemeinschaften zuständig sind, brauchen umfassende Ausbildungen, um ihren Dienst überhaupt verantwortlich ausüben zu können.
Der Lebensrhythmus in vielen Klöstern musste sich, oft notgedrungen, an den krankheitsfördernden Lebensrhythmus des Zivillebens anhängen. Das heißt: Aus der wirklich christlichen Zeit wurde oft eine unchristliche - eine Zeit, die nicht Gott und seine Schöpfung im Blick hat, sondern die diktatorische Zwänge der entmenschlichten und scheinbar objektivierten Maß-Zeit.
Alte und Kranke haben in diesem Zeitschema im zivilen Leben selten Platz und werden zu Kunden. Im Kloster zeigen sich die Folgen der "Zeitkrankheit" auf andere Weise. Die Schwestern und Brüder sind oft gezwungenermaßen durch ihre Arbeit und die Notwendigkeiten des Lebens gleichsam solidarisch Kranke in diesem Zeitsystem, manchmal auch gefangen in den alten Mustern ihres Lebens vor dem Klostereintritt. Fatal wirken sich diese Zwänge aus auf die alten und kranken Mitschwestern und -brüder. Ihr Lebensrhythmus darf anderen Zeiteinheiten folgen, als denen einer Funkuhr oder eines sozialversicherungstechnisch gesteuerten Arbeitstages. Deshalb sind die Infirmare der Gemeinden oft nicht nur ausbildungsmäßig, sondern auch kräftemäßig überfordert, da kompetente Hilfe - wo sie von außen in Anspruch genommen werden kann! - in den engen Grenzen der Bürokratisierung arbeitet. Das Infirmerie-Kloster Monte Sión könnte diesem Grundübel der modernen Gesellschaft einerseits gezielt entgegenstehen, indem es in der christlichen Zeit lebt, andererseits entspricht es nicht dem, was das benediktinische Mönchtum ausmacht: Die Gemeinde ist nicht Zweckverband, um besser vor der Welt bestehen und in ihr wirken zu können, sondern zuallererst eine wirkliche Familie, die in den Blutsbanden der Communio eine Einheit und eine komplette Lebensgemeinschaft bildet. Die Älteren und Kranken aus ihr herauszulösen, weil die Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann, ist eigentlich immer ein letzter Schritt, wenn alles andere aussichtlos ist. Allerdings ist das neue Kloster Monte Sión auch ein Zeichen der Demut: Dass der Mensch, obwohl er bis zu einem gewissen Grad verantwortlich ist für seine Mitmenschen, letztlich und Gott sei Dank am Perfektionismus scheitern wird. Und dass die Perfektion der Liebe tatsächlich allein in der Gemeinschaft mit Gott zu finden ist. Vielleicht gelingen die schmerzlichen Schritte der zahlreichen leidenden Schwestern und Brüder, die ihrer Reifung und ihrer Lebensernte entgegensehen, aus ihren Gemeinden heraus auf das neue Terrain in Monte Sión. Es könnte ja tatsächlich als klösterliches Paradies zum Abbild des Himmlischen Jerusalem werden.        

Samstag, 6. April 2013

Bernhard von Clairvaux - ein bornierter Adliger... Benoît Chauvin und die Zisterzienser

Ein Kollege (nämlich dieser hier) hat kürzlich auf eine herrliche Videoaufzeichnung hingewiesen: Benoît Chauvin, der bekannte französische Zisterzienserforscher, spricht über sein Leben, seine Berufung, seine Forschung und seine Liebe zu den Zisterziensern. Er tut das freimütig, in einem erfrischend exzellenten Französisch und mit einer spitzen Zunge, die der Historie und der Hagiographie gleichermaßen geschuldet ist. "Bernhard von Clairvaux war borniert, das könnte man wohl so sagen." Ähnliches hört man immer wieder während des vierzig Minuten dauernden Gesprächs. Benoît Chauvin schöpft aus den Vollen. Man begibt sich auf Zeitreise und durchquert das Hochmittelalter, hält kurz inne bei der Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer, die ihr Geld größtenteils den Zisterziensern verdanken, schaut den großen Äbten von Cîteaux über die Schulter, die Großes leisten, wenn es um den Buchdruck, die Architektur, die Wirtschaft etc. etc. geht. Und man horcht auf, wenn Benoît Chauvin von seiner eigentlichen Forschungsarbeit spricht - vom scheinbar "bernhardinischen Grundriss" der Klosterkirchen, der eben nicht bernhardinisch, sondern genuin zisterziensisch ist, da die romanische Abteikirche von Cîteaux das erste Glied der architektonischen Kette ist, nicht die Kirche von Clairvaux... Man darf gespannt sein auf das, was noch aus der Feder von Benoît Chauvin fließen wird. Während des Gesprächs kündigt er einen Aufsatz über das eben erwähnte Thema an: Der Ur-Typus der Zisterzienserkirche ist die Kirche von Cîteaux. Man kann ins Schwärmen kommen bei den Namen die fallen: Jean de Cirey, Anselme Dimier, aber auch "Bernhardskongress 1953", Generalkapitel... Und man kommt ins Schwärmen bei der Vision eines Benoît Chauvin für sein Fach, die Historie: Dass es zu entdecken gilt, was noch irgendwo verborgen schläft; aber dass meist das entdeckt wird, was man nicht gesucht hat. ...sagt ein Mann, der sich nicht dem Diktat der chronometrisch versubjektivierten Zeit unterwerfen möchte, sondern der humanen Zeit, der allein christlichen Zeit also!      

Freitag, 22. März 2013

De trappista communis observantiae?

Eine etwas kuriose Meditation als Ausblick zum Festtag des hl. Benedikt, zugegeben:
Was könnte mit dem Zisterzienserorden passieren, wenn es plötzlich, mir nichts dir nichts, keine Mönche, Nonnen und Novizen des Ordo Cisterciensis mehr gäbe? Was hieße das konkret für die Institution dieses Ordo? Dass er nicht mehr existent ist? Diese Antwort jedenfalls ist falsch - und aller fiktiver Fragestellung zum Trotz steht hier das Präsens. Der Zisterzienserorden ist nämlich ein abenteuerliches Konstrukt seltener Spitzfindigkeit: Er besteht de facto und offiziell als sogenannte Familia cisterciensis. Und eben diesen Terminus setzten die Päpste der vergangenen Jahrhunderte anstelle das lateinischen Wortes "ordo" - wohl um nicht den zisterziensischen Zorn auf sich zu ziehen. (Man findet das in entsprechenden offiziellen Dokumenten, etwa in "Non mediocri sane", etc...) Demnach - eben weil die "familia" im römischen Sprachgebrauch des beginnenden 20. Jahrhunderts als Synonym für "ordo" gesetzt wurde - bestehen die verschiedenen "ordines" der Familia cisterciensis innerhalb eines konsequenterweise so genannten "ordo familiae cisterciensis"... Die "ordines cistercienses" beider Observanzen nun sind - wieder lassen sich hier die römischen Dokumente bemühen - jedenfalls beide gleichrangige Rechtsnachfolger aller Rechte und Privilegien, die dem Zisterzienserorden jemals übereignet worden sind. Falls nun also einer der "ordines cistercienses", welcher Observanz auch immer, verschwinden sollte - was wiederum ein durchaus spitzfindiges kanonistisches Konstrukt ist - tangiert das in keiner Weise die Existenz des "ordo cisterciensis"! Und damit wäre die im Titel gestellte Frage insofern gelöst, als ein "Trappist der communis observantia" nicht nur als Ausdruck inexistent ist, sondern sogar ein "Trappistenorden" (der Rechtslage nach schon seit langem) nicht nur nicht existiert, sondern auch als rechtlich selbständige Körperschaft vollständig der "ordo cisterciensis" ist. Und genauso verhält es sich selbstredend umgekehrt.

Auf Bild 1: Graduale cisterciense 1960: Ein und ein anderer (et encore!) Generalobere(r) und ein (der Diktion nach) einziger Orden.
Auf Bild 2: Saal des Generalkapitels in Cîteaux: Zwei (oder drei, oder ...) Generalkapitel und trotzdem ein Orden?
Anstoß für diese Überlegungen war nicht nur die Lektüre römischer Dokumente zur neueren Rechtsgeschichte des (!) Ordens, sondern ein gewisses Unbehagen: Selbst von wirklich gescheiten Brüdern und Schwestern begeben sich viele wie automatisch in den Teufelskreis der sorgsam von Zisterziensergeneration zu Zisterziensergeneration weitervererbten Klischees des "Saint Ordre [Cistercien]" dort und der "trappistes" hier - et vice versa. Ob dahinter das Wissen lebendig ist, dass "le Saint Ordre" derselbe "ordo cisterciensis" ist, wie "l'ordre trappiste". Es scheint, dass sich der Observanzenstreit durch die Jahrhunderte zum Selbstläufer entwickelt hat. Schade nur, dass nicht allein die Kirchenrechtler daran verzweifeln.
Trotz der Fastenzeit sei dieser ernste und doch ernsthaft zu hinterfragende Zustand des Zisterzienserordens nicht ohne Humor als Gewissenserforschung zum Benediktsfest offengelegt.                     

Sonntag, 10. Februar 2013

Von der Liebe - Gedanken zum Fest der hl. Scholastika

(Photo: Père Igor / Wikimedia Commons)
In mancherlei Hinsicht ist die Heilige des heutigen Tages viel moderner als so mancher Heilige der Neuzeit. Die heilige Scholastika, Schwester und monastische Gefährtin des hl. Benedikt, setzt ihrem Bruder am Ende ihrer Erdenzeit Hörner auf und zerschmettert alle seine wohlüberlegten und niedergelegten geistlichen Richtlinien. Verdient sie deshalb, als "letzte Feministin der ausgehenden Antike" oder "erste Frauenrechtlerin des westlichen Mönchtums" apostrophiert zu werden? Sicherlich nicht. Und genausowenig verdienen es die Zisterzienser, als ein Orden der Revolutionäre bezeichnet zu werden. Und das, obwohl sie neben dem Vielen, was sie aus der Benediktsregel "buchstabengetreu" übernahmen, ebenfalls vieles nach eigenem Gutdünken (und gegen die Tradition), und wiederum vieles ganz anders als die Benediktsregel auslegten...
Was hat das nun mit der hl. Scholastika zu tun? Sie traf sich eines Tages mit ihrem Bruder Benedikt vor den Mauern des Klosters, um, wie gewohnt, einmal im Jahr über göttliche Dinge zu sprechen. Und sie fühlte, dass es das letzte Mal sein würde, dass sie sich dort treffen konnten. So stellte sie ihrem Bruder die durchaus "törichte" Frage, ob sie beide - nur dieses eine Mal - nicht die Nacht im geistlichen Gespräch verbringen könnten. Der hl. Benedikt lehnte schlichtweg ab: Er könne nicht die Regel beiseite lassen und einfach außerhalb des Klosters bleiben. Der hl. Scholastika wurde sicher das Herz schwer, jedenfalls musste sie weinen. Und hier wird es jetzt gefährlich: Ihre Tränen waren nämlich keine Tränen des Verzichts, sondern Tränen der Liebe. Sie neigte den Kopf zum Gebet - und draußen brach ein Unwetter los, das den Mönchsvater daran hinderte, ins Kloster zurückzukehren. An dieser Stelle möchte ich den hl. Vater Benedikt schon fragen:
Fürchtest Du Dich so vor nassen Kleidern und aufgeweichten Schuhen, dass Du Deine Regel, trotz aller vorheriger Entschiedenheit, nicht befolgst?
Sind die lächerlichen Blitze und Orkanböen stärker als Deine Überzeugung, dass der Weg der Regel schnurstracks zu Gott führt?
Muss Deine Schwester Dich erst durch ihr Gebet eines Besseren belehren?
So wird es wohl sein, denn der hl. Benedikt erkennt auch während dieses tobenden Naturwunders noch nicht, was sich eigentlich hier abspielt. Er rügt seine Schwester und sagt zu ihr: Gott verzeihe Dir, was Du getan hast; dass Du mich hinderst, aufzubrechen. - Ein wahrhaft schwaches Plädoyer des großen Mönchsvaters! Die hl. Scholastika weist ihren Bruder daher empfindlich zurecht: Du hast nur Deine Leitplanken der Regel im Kopf, an denen entlang ja auch ich mich geradewegs ins Himmlische Jerusalem aufmache! Eben wäre die Gelegenheit gewesen, den Buchstaben der Regel zur Tat werden zu lassen: Du hättest mir beweisen können, dass das Joch der Regel im Knechtsdienst Christi nur unter dem Vorzeichen der Liebe die richtige Last trägt. Deine reguläre Richtschnur war in Gottes Augen heute wertlos, obwohl sie nur zusammenfasst, was alle Väter lehren.
Vielleicht ist das ein dezenter Wink der hl. Scholastika an uns Heutige: Haltet Euch an Eure jeweilige Regel und vergesst nicht, dass jeder ihrer Buchstaben wichtig ist. Aber entdeckt hinter allen ihren Buchstaben das Vermächtnis Christi, den wir in der Welt "abbilden" dürfen.  

                    

Donnerstag, 31. Januar 2013

Domus necessaria - auch die Klosterbequemlichkeit ist Thema...

Rekonstruktion einer mittelalterlichen Latrine im ehem. Zisterzienserkloster Kirkstall (Leeds, GB)
Auf HSozuKult wird für den November dieses Jahres eine Tagung in Oberfell zur Entwicklung und kulturhistorischen Bedeutung der Latrinen angekündigt. Die Klöster sind nicht wenig daran interessiert gewesen, hygienische Standards einzuhalten. Ihre Consuetudines zeugen von einem relativ entspannten Umgang mit dem Thema der menschlichen Verdauung und natürlichen Entsorgung. Nicht zuletzt die sozialen Aspekte des Gemeinschaftslebens hängen unmittelbar mit der Praxis der Hygiene in all ihren Ausgestaltungen zusammen. 

Sonntag, 13. Januar 2013

Acey, seine Grangie und eine mittelalterliche Getreidemühle

Blick nach Osten in der Abteikirche von Acey (Photo: OCSO/Cistopedia)
Die alte (und 1873 wiederbesiedelte) Zisterzienserabtei Acey im französischen Jura - heute bekannt für ihre teilweise rekonstruierte gotische Kirche mit modernen Grisaille-Fenstern - besaß, wie alle Abteien, ihre Grangien, Wirtschaftshöfe, im näheren und weiteren Umland. Bei der Verlegung einer neuen TGV-Strecke zwischen Dijon und Mulhouse wurde in der Nähe einer dieser Grangien der europaweit als spektakulär eingeordnete Fund einer mittelalterlichen Mühle gemacht. Spezialisten aus allen betroffenen Fachbereichen graben diese Mühle / Mühlen aus und können dadurch einen noch relativ unerforschten Bereich der Mittelaltergeschichte beleuchten: die Konstruktion, die Funktion, die Qualität und das Arbeiten von Mühlen zwischen dem 10. und dem 12. Jahrhundert. Für alle "Francophonen" HIER ein höchst interessanter Bericht des archäologischen Ausgrabungsteams!   

Dienstag, 8. Januar 2013

Necrologium cisterciense - ein Zisterziensernekrologium im Netz

Seit langem dämmerte ein für Zisterzienser wesentliches Element ihres geistlichen Biotops dahin: das Festhalten am gemeinsame Totengedächtnis der jüngst Verstorbenen aller Klöster der gesamten Ordensfamilie. Zuerst (und über Jahrhunderten hinweg) sollte durch den Versand von Todesnachrichten der Verstorbenen eines jeden Klosters das Gebetsband der großen ecclesia cisterciensis aufrechterhalten werden. Nachdem in den letzten Jahren die Nutzung des weltweiten Netzes manchen Informationsfluss erleichtert hat, griff man vielerorts auf dieses Medium zurück, um die Todesnachrichten zu verschicken. Oder man verzichtete gleich auf ein Versenden an alle Häuser der Ordensfamilie, um einzig durch ein Veröffentlichen der Nachricht auf den Ordenswebseiten das Gebet aller Schwestern und Brüder zu erbitten. Leider macht sich nicht jede Gemeinschaft die Mühe, die verschiedenen Nekrologseiten der Ordensfamilie regelmäßig zu lesen, weshalb ein nunmehr auf der Internetseite der Cistercienser Chronik veröffentlichtes allgemeines Necrologium der Zisterzienser sehr willkommen ist. Auf einen Blick hat man die Verstorbenen des Ordens (ocist/ocso und der anderen Glieder der Familie) vor Augen. Wer die Bedeutung des Gedächtnisses der Verstorbenen im Zisterzienserorden kennt, weiß um die tiefen geistlichen Hintergründe dieser Gebetszusagen jeder Klostergemeinde: Es geht um viel mehr, als um die schöne Sorge um die Verstorbenen. Für die Zisterzienser ist jede tote Schwester und jeder tote Bruder ein Vorläufer, an dessen Hand man gewissermaßen weitergeführt wird.       

Montag, 7. Januar 2013

Dominicus Willi - Zisterzienser und Bischof

Am 6. Januar 1913 starb in seiner Bischofstadt Limburg/Lahn der Zisterziensermönch und -bischof Dominicus Willi. Für die Ordensgeschichte der Zisterzienser in Deutschland nach der Französischen Revolution, nach der Säkularisation, nach dem Kulturkampf ist dieser Mönch ein Wegweiser und Weichensteller. Anläßlich seines Todestags vor 100 Jahren organisiert das Bistum Limburg einen "Thementag" für seinen "bedeutendsten Bischof" am 12. Januar 2013 im "Haus am Dom" in Frankfurt/Main. Dominicus Willi (* 1844 in Domat/Ems, Schweiz) kann zu den in seiner Ordensfamilie einflussreichsten Zisterziensern der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert gezählt werden. Allerdings war er weniger ein Gestalter, als vielmehr ein zurückhaltender Lenker hinter den Kulissen. Es kann als sicher gelten, dass die Ordensgeschichte eine andere Richtung genommen hätte, wenn sich Dominicus Willi, wie neuere Studien belegen, aktiv mit den kirchen- bzw. ordenspolitischen Machtstrukturen kooperiert hätte - was er nicht gewollt und vermieden hat. Ob er sich als Bischof tatsächlich an seinem Platz fühlte oder ob die Wahl des Domkapitels und das Vertrauen des Klerus ihn nicht vielmehr resigniert den bischöflichen Dienst annehmen ließ - auch das wird von den Historikern näher zu beleuchten sein.  

Samstag, 24. November 2012

Christ vs. Mönch, Reform vs. Geistigkeit? - Ein Interview mit P. Gabriel Bunge


Pater Gabriel Bunge, zuerst Mönch in Chevetogne, dann Einsiedler im Tessin, antwortet in einem kürzlich aufgezeichneten Interview, das HIER einzusehen ist, in französisher Sprache auf Fragen zum monastischen Leben. Besonders interessant ist seine Haltung zu den Reformen des benediktinichen Mönchtums. P. Gabriel vertritt den Standpunkt, dass die Reformen im westlichen Mönchtum wesentlich von der Obrigkeit ausgingen. Das allerdings ist im Falle der Zisterzienser nicht unbesehen hinzunehmen. Die zisterziensische Reform nämlich ist nicht der Versuch, neue Zucht und Ordnung in ein rostiges System zu bringen, sondern sie ist ein Neuaufbruch: vom strengen Molesme hin zu einem neuen Leben unter erneuerten Vorzeichen, eben in das Novum Monasterium. P. Gabriel sagt im Interview auch, dass es nicht möglich ist, die Spiritualität zu reformieren. Das ist ein hervorragender Gedanke! Die wirkliche Spiritualität ist und bleibt immer neu, denn sie geht aus vom Heiligen Geist. Und was für ein beglückender Gedanke ist das doch: Cîteaux mit den Gründervätern ist keine aufgedrückte Reform, sondern ein Neuaufbruch zu einem christlichen Leben in der Gemeinschaft Gleichgesinnter. Ein zweiter wichtiger Gedanke von P. Gabriel ist zudem die Feststellung, dass das Mönchtum kein Sonderweg herausgehobener Menschen ist, sondern dass es der Versuch dazu Berufener zu einem echten Christenleben ist, das nicht höher steht, als das Leben der anderen Christen. Genug Gedanken, um beschäftigt zu sein und nachdenklich zu werden!

Donnerstag, 1. November 2012

Dom Alexis Presse, das Anniversarium seines Heimgangs und die Liturgie


Der 1. November, in vielen lateinischen Riten als Gedächtnis aller Heiligen gefeiert, ist gleichzeitig der Todestag von Dom Alexis Presse im Jahre 1965. Als "enfant terrible" des zisterziensischen Aufbruchs, nach den Jahren der Rekonstituierung von nunmehr zwei Zweigen des Zisterzienserordens vor mehr als 100 Jahren, konnte Dom Alexis viel Gutes tun: Sein Wirken wurde oft belächelt, oft auch mit Stirnrunzeln bedacht und öffentlich geächtet. Die "Affäre Alexis Presse", wie seine Causa selbst in neuesten Veröffentlichungen genannt wird (so in der in mehreren Sprachen vor wenigen Jahren erschienenen Geschichte ocso), war die Affäre eines Suchenden - und ist zu einer Affäre vieler Suchender geworden! Dom Alexis hat einen Gedanken, der ihn nicht losläßt: Wie kann ich Gott suchen, und wie kann ich den Menschen, die mir begegnen, bei ihrer Gottsuche helfen, ohne den Blick entweder nur auf Gott oder nur auf die Menschen zu richten? Seine Lösung des Problems war zu einfach - und sie war deshalb nicht allgemein verständlich. Dom Alexis, als hochgebildeter Theologe im wahren Sinne des Wortes, nahm relativ bald auf seinem Weg, der zur "Affäre" wurde, die Traditionen seines Ordens, der Zisterzienser also, und prüfte sie auf ihre Wegtauglichkeit, indem er neben sie das Evangelium legte. Bei der Prüfung gebrauchte er die Hilfsmittel, die ihm zur Verfügung standen: die Wissenschaften der Theologie und der Historie (und die des Rechts... um sich verteidigen zu können...). Er führte Neues ein in den Gemeinschaften, die ihn zu ihrem geistlichen Vater gewählt hatten (zuerst Tamié, dann Boquen). Das Neue stand im Gegensatz zu vielem von dem, was bislang durch Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte Geltung besaß. Dom Alexis war sich bewußt, dass dieser Kurs nicht ohne Konfrontationen gehalten werden konnte. Er blieb am Steuer, ohne seinen eigenen Untergang zu fürchten. Die Frage seines Lebens - Wie Gott suchen und zu ihm gelangen? - löste er idealtypisch: Er machte sein Leben zur Liturgie. Diese Lösung fand er bei den Zisterzienservätern (und nicht im Kirchenrecht). Die Väter von Cîteaux hatten einfach gelebt, was ihnen anvertraut worden war. Sie hatten sich gegen das gestellt, was ihrem Ruf entgegenstand. Sie hatten jahrhundertealte Regeln gebrochen, um neue aufzustellen. Aber sie waren nicht Herrscher über eine Idee, sondern Vasallen des größten Königs, Teilhaber am Himmlischen Königreich. Diese Teilhabe lebten sie hier und jetzt, im "paradisus claustralis", dem klösterlichen Paradies. Dom Alexis Presse kannte die Väter und wußte um ihre Lebensleidenschaft: sie - so erkannte er damals - feiern zeit- und schrankenlos die Himmlische Liturgie, in ihren Klöstern und im Himmel, der auf Erden beginnt. An dieser Erkenntnis scheiterte Dom Alexis wohl vielleicht, denn sie läßt sich nur noch schwer in die engen Grenzen der Neuscholastik integrieren. Heute würde Dom Alexis vielleicht nicht mehr ausgeschlossen. Verstanden hingegen würde er wohl ebensowenig wie damals.
Alle Heiligen, unsere Mütter und Väter, ihr Märtyrer und Bekenner, bittet bei Gott für uns!

Sonntag, 30. September 2012

Sie ist die Mutter oder Tochter der deutschen "Trappisten"...


Die Abtei Oelenberg, von der die Rede ist, geht auf die turbulenten Jahre der "zisterziensischen Superreform" des Abtes Dom Augustin de Lestrange zurück. Als Mutterkloster der Zisterzienser-Filiation gehört sie zu Mariawald, der durch ihre ebenfalls eigenwilligen Reformversuche ins Gespräch gekommenen einzigen männlichen Niederlassung der "Franzosen" in Deutschland. Als Tochter von Darfeld - wenn ich mich recht erinnere - stammt sie von einer Dom de Lestrange nicht gerade wohlgesonnenen Zisterziensergemeinde in Westfalen ab, die nach den Wirren der "monastischen Odyssee" - neben anderen - auf deutschem Boden gegründet worden war. Die Gemeinschaft von Oelenberg hat seit dem 20. September einen neuen Oberen, P. Théophane Lavens (so www.ocso.org). Die Gemeinschaft dieses Klostes im Elsaß ist zahlenmäßig nicht groß, doch ihre Geschichte ist abenteuerlich. Oelenberg beherbergte lange Zeit ein Doppelkloster - bis Ende des 19. Jahrhunderts oder Anfang des 20. Jahrhunderts! Zur Mönchsgemeinde gehörte der illustre Baron Ferdinand de Géramb, der eifrige Pilgerer und spätere Prokurator der Kongregation in Rom. Oelenberg lag also oft im Grenzbereich - im übertragenen und geographischen Sinne. Die Zisterzienser sind ein internationaler Orden, sind es seit 900 Jahren. Die Mönche und Mönchinnen, die Konversen, die Laienzisterzienser, sie alle sind demnach berufen, Kleinstaaterei und Kleinkariertheit Lügen zu strafen, da sie auf die große Geschichte ihrer Familie hinweisen können, die den europäischen Gedanken seit langem auf ihre Weise pflegt und wachhält.
Möge die Gottesmutter ihren Schutzmantel über sie alle und über die ganze Welt ausbreiten, wie sie es, der Vision nach, einst in Konstantinopel und vor den geistigen Augen frommer Zisterzienser tat.

Dienstag, 18. September 2012

Zum Tod von Dom Polykarp Zakar


Der emeritierte Generalabt ocist und ehemalige Abt von Zirc in Ungarn ist am 17. September d.J. gegen 21.00 Uhr gestorben. Er war von 1985 bis 1995 einer der beiden Generaläbte der Zisterzienserfamilie. Als solcher folgte er Sighard Kleiner nach, der in der langen Periode von 1953 bis zu seiner Ablösung mit großer Hingabe und Selbstverleugnung der communis observantia vorstand. Abt Polykarp Zakar hat seine vielseitigen Talente in den Dienst der Zisterzienserfamilie gestellt. Bsonders am Herzen lagen ihm die historischen Fakten und Gegebenheiten, die den Orden der Zisterzienser mit seinen beiden Hauptzweigen betreffen - ein Ausdruck, den er allerdings nur mit Widerwillen geduldet hätte. Für ihn war die Entwicklung der Zisterzienser in mehrere rechtliche Gebilde Faktum und Tatsache, an der nicht zu rütteln war. Eine andere Sicht der Dinge ließen für ihn die historischen Dokumente nicht zu. Gerade das war wohl die schwierigste Instanz: Als hochintelligenter Wisenschaftler und Historiker waren für ihn die unumgänglichen Nebenschauplätze, wie er sie vielleicht genannt hätte, nur dann relevant, wenn sie sich an den Fakten messen ließen. In der neueren Zisterziensergeschichte war das freilich nur bedingt der Fall: Aus den Diskussionen über Recht und Unrecht bestimmter Entscheidungen wurden dann gelehrte Kontroversen beeindruckenden Ausmaßes. Es will scheinen, dass die Menschen dabei in dem Maße zu kurz kamen, wie die rechtliche und historische Situation zu ihrem Recht kommen sollte. Dadurch glichen manches Mal auch die Schlußfolgerungen eher Gerichtsurteilen, als weise abwägenden Dokumenten. Als Generalabt konnte solches Verhalten ihm übel ausgelegt werden.
Abt Polykarp Zakar hat mit großem Engagement die Belange "seines" Ordens vertreten, auch und vor allem in rechtlicher Sicht. Seine zahlreichen Veröffentlichungen zeugen von der immensen Fülle seines Wissens und seiner Interessen. Immer bemüht, durch Forschen und Weitergabe des Wissens dem drohenden Identitätsverlust entgegenzuwirken, hat er Großes geleistet. Das zeigt nicht zuletzt der maßgeblich durch seine Schule geprägte und dadurch auch umfängliche Band "Den Zisterzienserorden besser kennenlernen", der in verschiedenen Sprachen erschienen ist. Wichtige Dokumente der Ordensgeschichte werden darin in die Zeitgeschichte eingeordnet und kommentiert. Als solcher ist dieser Band sicherlich einer der schönsten Nachlässe des Verstorbenen, zeigt sich doch in ihm die Untrennbarkeit der Zisterzienserfamilie, der die rechtlichen Strukturen zur Nebensache werden.

Freitag, 10. August 2012

Cîteaux - Gebet um Berufungen 20.8.2012 - 20.8.2013


Dom Olivier und die Gemeinschaft von Cîteaux bitten alle Zisterzienser darum, sich ihrem Gebet um Stärkung und Wachstum der Zisterzienserberufung anzuschließen. Anlass ist das Jubiläum des Eintritts des Bernhard von Fontaine in Cîteaux unter dem hl. Stephan Harding etwa um 1112, also mehr als vierzehn Jahre nach der Gründung des Neuen Klosters. Auf der Webseite der Zisterzienser s.o. findet sich das Gebet in drei Sprachen (engl., franz., span.). Hier soll jetzt eine deutsche Version folgen, für alle Deutschsprachigen, die sich dem Aufruf anschließen möchten:
GEBET UM BERUFUNGEN
Guter Vater, indem unsere Väter das Neue Kloster gegründet haben, wollten sie dem armen Christus in die Wüste folgen. Sie konnten aus dem Evangelium leben, weil sie die Regel des hl. Benedikt in ihrer Reinheit wiederentdeckt hatten.
Du hast Bernhard von Fontaine die Gabe verliehen, diese neue Art des Lebens in der Freude des Heiligen Geistes als ansprechend und anziehend zu vermitteln.
Schenke auch uns, die wir heute in ihrer Nachfolge stehen, aus dem Geist des Friedens, der Einheit, der Demut und vor allem der Liebe zu leben, die alle Gnadengaben übersteigt: Dass heute erneut Männer und Frauen den Ruf zum monastischen Leben unter der Führung des Evangeliums hören, zu einem Dienst an der Sendung der Kirche und in einer Welt, die dich vergisst.
Herr, denke an Cîteaux, wo Bernhard mit seinen Gefährten ankam. Lass die Brüder, die an diesem Ort leben, weiterhin von der ursprünglichen Begeisterung der Anfänge getragen sein.
Denke an all jene, die aus dem Zisterziensercharisma leben.
Denke an all die Zisterziensergemeinschaften: Jene, die älter werden, und jene, die neu entstehen an den Enden der Erde, im Norden und Süden, Osten und Westen. Lass sie sich in der Prüfung an jene wenden, die Bernhard den Meeresstern genannt hat, damit sie nicht den Mut verlieren.
Heiliger Vater, von dir haben wir bis jetzt schon so viel empfangen. Gewähre uns auch künftig deinen Segen, damit unsere Gemeinschaften zahlenmäßig, aber vor allem in Gnade und Weisheit wachsen mögen – zu deiner Verherrlichung.
Dir, dem die Ehre gebührt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

Dienstag, 26. Juni 2012

Tradition und Traditionalismus


Momentan stellen sich einigen Menschen, z.B. HIER, bedrängende Fragen: Was wird aus der Kirche, wenn die Einigung mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. und ihren Anhängern nicht zustande kommt? Darf sich die "Priesterbruderschaft SPX" überhaupt zu einer Einigung mit Rom durchringen? Ist es nicht viel besser, Stachel im Fleisch der "Konzilskirche" zu bleiben, anstatt sich von einer dekadenten römischen (=häretischen!) Kirche ge-(bzw. miss-)brauchen zu lassen?
Unwillkürlich drängen sich dem etwas über den Tellerrand Hinausblickenden Assoziationen ganz anderer couleur auf: Da sind die russischen Altgläubigen des 17. Jahrhunderts, die sch entschieden gegen die Reformen der russischen Kirche wandten, um den wahren Glauben zu retten. Sie waren beseelt vom Verlangen nach Weitergabe der jahrhundertealten Traditionen ihrer Kirche - sie wollten die alten Riten und Gebete, die alten Traditionen und Bräuche bewahrt wissen, damit die Kirche nicht ebenso wie der damalige Staat den Verderben bringenden Enflüssen der Säkularisierung ausgesetzt bleibe und daran zugrunde ginge. Freilich waren die Umstände der russischen Kirche andere, als in Rom oder Ecône - um bei den plakativen Begrifflichkeiten zu bleiben. Und doch kann es in hohem Maße erschrecken, wie ähnlich Menschen völlig unterschiedlicher Mentalität reagieren. Liest man Beiträge theologisch durchaus gebildeter römisch-traditionalistischer Menschen zugunsten der entschiedenen Haltung der Priesterbruderschaft SPX, könnte sich mit Leichtigkeit der Eindruck aufdrängen, dass diesen Eiferern der heiligen Sache einzig eine Geburt beispielsweise in Rußland oder Griechenland abgeht, die sie zu gleich vehementen Verfechtern der ultraorthodoxen Sache gemacht hätte! Das sind keine beruhigenden Gedanken. Sie zeigen vielmehr, wie wenig es noch um den Dreifaltigen Gott und das Evangelium geht bei den erbitterten Diskussionen. Es geht um die Verhärtung der Positionen - sowohl bei Romtreuen und Romkritikern, als auch bei Orthodoxen und Ultra-Orthodoxen, denjenigen also, die sich, aus Liebe hoffentlich!, schon oberhalb der Orthodoxie positionieren. Im deutschen Sprachraum, und im Orden auf internationaler Ebene, ist unser Kloster Mariawald bekannt geworden durch einen Reformversuch ungewöhnlicher Art. Nach massiver Schrumpfung der Klostergemeinde in den letzten 30 Jahren - also nach den Reformen der Nachkonzilszeit - versuchen Abt und ein Teil der Klostergemeinde, durch die Rückbesinnung auf die Gebräuche der frühen 1960er Jahre, dem Kloster neue Lebensperspektiven zu ermöglichen. Und auch hier drängt sich der Eindruck auf, die Liebe zur Tradition versperre die freie Sicht auf die Grundlage unseres Glaubens. Über lange Jahrhunderte hinweg wurde im Zsterzienserorden treu bewahrt, was zum "Patrimonium" des Ordens gehört: Die Art und Weise, sich als Mönch auf die Suche nach Gott zu machen. Dazu gehören verschiedene Elemente, die wesentlicher Art sind: Ein monastisches Leben in Einsamkeit und Schweigen, das Fasten und die Abstinenz, das Gebet und die Lesung der Heiligen Schrift und der Väter. Dazu gehören jedoch nicht zwingend: Die lateinische Sprache (denn von ihr wurde sogar schon im 12. Jahrhundert bei der Sakramentenspendung dispensiert, wenn jemand sie nicht verstand), ein bestimmter "Stil" (denn was heute als traditionell gilt, etwa "römische" Kaseln, sind auch nur -späte- Entwicklungen, die gerade in der Zisterzienserliturgie sekundär sind), das legalistische "Pensum" der Frömmigkeit (denn es unterscheidet sich fundamental vom "officium" als heiliger Pflicht, zu welchem selbst die Eucharistiefeier in Ausnahmefällen in der Hohen Zeit des Zisterziensertums nicht gehört...). - Wie wohltuend könnte es sein, wenn die begeisterten Reformer von einst den begeisterten Reformern von heute zuhören könnten (et vice versa) und wenn beide weniger Ideologie und mehr Theologie (und zwar die echte) lebten.

Samstag, 23. Juni 2012

Eine neue Seite über "Das Zisterzienserleben nach der Benediktsregel"

Gestern bin ich über die Vereinigung "ARCCIS" (oder auch HIER mit einer deutschen Präsentation)zur relativ neuen Seite eines französischsprachigen Zisterziensers geführt worden: "Vie cistercienne selon la règle de saint Benoît" - Zisterzienserleben nach der Regel des hl. Benedikt. Es verspricht, interessant zu werden. Der "compatriote" setzt sich mit ganz anderen Fragen auseinander. Und ich habe mit großem Interesse in seinen Notizen gelesen.

Montag, 21. Mai 2012

Notre-Dame de l'Atlas in Tibhirine - ein Jahrestag

Im Zisterziensermenologium für den 21. Mai ist zu lesen: "Die Mönche Christian de Chergé, Christophe Lebreton, Michel Fleury, Bruno Lemarchand, Célestin Ringeard, Paul Favre-Miville und der Konverse Luc Dochier wurden am frühen Morgen des 21. Mai 1996 im algerischen Atlas-Gebirge enthauptet. Alle Brüder hatten sich für ein Leben im Kloster Notre-Dame de l’Atlas in Tibhirine entschieden, dessen exponierte Lage im überwiegend islamisch geprägten Algerien mit zunehmender Feindseligkeit der Fundamentalisten das Schlimmste befürchten ließ. Ihre freundschaftlichen Beziehungen zu den Dorfbewohnern und der unermüdliche Dienst des Arztes Br. Luc gaben ihrem zisterziensischen Leben jene geistliche Ausstrahlung, die wohl erst nach ihrer Entführung in der Nacht des 26. März 1996 offenkundig wurde. Ausdrücklich wollten sie selbst Entführung und Tod auf sich nehmen, da ihr Leben Gott und dem algerischen Volk geschenkt war." Es zeigt sich auch 17 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod, dass die Großherzigkeit im rein menschlichen wie im christlichen Sinne immer neu gelernt sein will. Eine Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, Andersdenkende und selbst Andersglaubende, ja generell die Andersartigkeit der Traditionen und Lebensweisen zu akzeptieren - und vielleicht sogar bereit zu sein, sie zu schätzen. Die Großherzigkeit im Sinne des Evangeliums ist nie zur Gänze erreicht, da unsere Versuche, sie zu praktizieren, immer hinter der Großherzigkeit Christi zurückbleiben werden. Gott sei Dank haben wir unsere Zeugen des Glaubens, die durch die Hingabe ihres Lebens um Christi willen unsere Fürsprecher geworden sind.

Donnerstag, 19. April 2012

Ein unbequemer Heiliger, ein gescheiterter Mönch - Benoît-Joseph Labre

Am 16. April gedenkt der Zisterzienserorden seines einstigen Novizen fr. Urbain, Benoît-Joseph Labre (Einkleidung unter Dom Dorothée Jalloutz in Sept-Fons). Zuvor hatte dieser junge Mann zwei Mal im Zisterzienserkloster La Trappe um Aufnahme gebeten - immer war er abgewiesen worden, da er zu jung war. Als Novize bei den Kartäusern wurde er krank und musste auch dort das Kloster verlassen. In den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts, wenige Jahre vor den Wirren der Französischen Revolution, machte sich der junge Benoît-Joseph auf den Weg durch Europa, um seinen geistlichen Wegzu finden. Als Bettler und Landstreicher hat er Frankreich, Deutschland, die Schweiz und Italien durchquert, oft angepöbelt, manchmal heimlich verehrt. Seine letzten Lebensmonate vor seinem Tod 1783 hat er in Rom verbracht, einer Stadt, die schon damals vom Spagat zwischen Heidentum und Religion tief gezeichnet war. Der hl. Benoît-Joseph hat sich in seinem kurzen Leben nicht geschont. Wir Heutigen würden ihn wohl teils als Schmarotzer bezeichnen wollen, teils als Psychopathen, teils als religiösen Schwärmer. Geschafft hat er in seinem Leben nichts, was als konstruktiv für das sozial-ökonomische Fortkommen zu bezeichnen wäre - ein Vagabund, der heute dem Staat nur auf der Tasche läge, um es boshaft zu sagen. Steht hinter diesem verlausten Gaukler Gottes wirklich nur ein etwas exzentrischer Charakter, der nichts leisten will, aber am Ende als hochverehrter zweiter "il Santo" von den Römern verehrt wird? Noch heute vermag es die behördlich organisierte Kirche, fleißig und tatsächlich arbeitsam ihre eigene Bürokratie zu verwalten, in Deutschland vor allem. Den Arbeitern in diesem allegorischen und sprichwörtlichen Weinberg stößt dieser Umstand als ersten bitter auf! Sie stehen als erste im Zugzwang des immer schneller rotierenden Verwaltungsapparats und der Erwartungshaltung der Menschen, die Kinder ihrer Zeit sind. Ein energischer Ruf nach Einhalt wäre nötig, doch womöglich müßte er geballt und mit Autorität erfolgen, um überhaupt ernstgenommen zu werden. Das immer schnellere Kommunizieren und die immer gehetztere Omnipräsenz durch Internet, Telephon etc. hat auch die Arbeit teilweise entheiligt. Eine wirkliche "Populorum progressio" kann sie vielleicht nicht immer genannt werden, wo sie Menschen krank macht und geistig verstümmelt. Der hl. Benoît-Joseph Labre ist das Zerrbild heutiger "Stars": schwach, dreckig, unproduktiv, langsam, verschlossen, Ausländer, wenig gebildet, krank... Immerhin hat er versucht, das Evangelium für bare Münze zu nehmen und hat in allen Menschen, die ihm begegnet sind, das Antlitz Christi gefunden. Er hat nicht bekehren können, hat keine Zahlen aufzuweisen und erst recht keine Erfolge verbuchen können. Sein Tod hat allerdings die Menschen in Rom aufhorchen lassen. Der verlauste Vagabund hat geduftet, als man seine Leiche aufbahrte. Es ist schwer zu sagen, inwiefern er dem Menschen heute als Vorbild hingestellt werden kann. Seine größte Tugend war womöglich seine unbedingte Verfügbarkeit für Gott, hinter der er verschämt einen selten glühenden "amour fou" zu verbergen suchte.

Donnerstag, 22. September 2011

"Was heißt hier streng?" - Von der Subjektivität der Wahrnehmung

Photo: Bruno Rotival in Cistopedia

Eine der wirklich beschämenden Erfahrungen war für mich die Begegnung mit einer älteren Frau im bayerischen Hinterland. Die Episode trug sich schon vor Jahren zu, bleibt mir aber nichtsdestotrotz in lebhafter Erinnerung. Als Zisterzienser erkenntlich, hielt mich diese Frau an und begann ohne Umschweife, ihrer großen Hochachtung vor dem zisterziensischen Mönchtum Ausdruck zu geben. Was für ein Trost es ihr bedeute, die Mönche in bedingungsloser Selbstverleugnung auf hartem Nachtlager ausgestreckt zu wissen. Welche geistliche Stärkung sie erfahre, wenn sie an die Nachtwachen, das strenge Fasten und die Abstinenz der Mönche denke. Wie getragen sie sich fühle, da das unablässige Gebet in den Klöstern ihr ein Trost sei, die so schwer nur beten könne.
Ich hatte damals nicht den Mut, die antiquierte Vorstellung des Mönchtums zu zerstören, die so liebenswürdig vermittelt wurde. Der "Strohsack", von dem die Rede war, existiert schon Jahrzehnte nicht mehr. Die "durchwachten Nächte" sind einer eher wohligen Nachtruhe im Bett und in einer einigermaßen abgeschlossener Zelle gewichen. Das Fasten und die Abstinenz lassen sich gut aushalten, da die Modernisierung der geistlichen Lebensweise vor dem Mönchtum nicht haltgemacht hat. Und das unablässige Gebet? Es ist ein ständiges Versuchen und Herantasten! Es ist die unablässige Sehnsucht, die zum Gebet werden möge. Aber das Maß der Väter liegt für mich noch in weiter Ferne. Selbst die Gabe der Tränen über solch eine Trägheit ist mir noch nicht gegeben.
Das "strenge Leben", das meiner Gesprächspartnerin so imponiert hat, ist tatsächlich eine sehr relative Sache. Wie streng kann einem das Leben erscheinen, wenn die Grundlagen des Mönchtums zwar weit gefasst und vereinfacht wurden, aber das Ziel dadurch nicht mehr ganz so einfach im Blick zu behalten ist? Es ist wirklich ein strenges Leben, wenn die Modernisierung unserer Lebensweise auch dazu geführt hat, dass Erprobtes und Bewährtes in der Versenkung verschwinden und nicht einmal mehr betrauert werden. Die "Strengheit" findet sich sicher nicht im gemeinsamen Schlafsaal, im peinlich beobachteten Stillschweigen, in der Abstinenz und im geordneten, durch viele Gebetszeiten unterbrochenen Tagesablauf, der um 3.00 Uhr in der Frühe beginnt. Die "Strenge", von der ich schreibe, findet sich in der Asozialisation unseres Lebens, die ich oftmals ausmache. War früher jedes Naseputzen reglementiert, so fällt es heute manchmal ins Auge, dass ein Gespür für das Dezente fehlt. Wie laut kann man ein Taschentuch nicht in Benutzung nehmen! Wie seismographisch auffällig kann man eine Tür zuschlagen! Wie interessant können Diskussionen über die Rubriken der liturgischen Bücher sein, die man bis in die letzten Ecken der Kirche mitverfolgen kann! Hier zeigt sich, wie streng man sich das Leben heute machen kann! Und wie viel prosaischer war nicht der (verbotene!) mitbrüderliche Namenstagsgruß nach der Komplet aus den Winkeln der aufgesetzten Kapuze heraus. "Strenge" bedeutet für mich auch, verzichten zu müssen auf die großartigen Kleinigkeiten (und Kleinlichkeiten!!!!) der Vergangenheit...