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Mittwoch, 16. Februar 2022
Die Causa ROCOR - Rue Daru
Gott sei Dank! Die Versöhnung der zwei "Geschwister" konnte durch eine Einigung, durch persönlichen Kontakt und durch die Berufung auf die pastorale Notlage herbeigeführt werden. "ROCOR", also die russische Auslandskirche, ist ein historischer Teil des jetzigen "Archevêché des églises orthodoxes de tradition russe en Europe occidentale": Beide Institutionen haben seit ihrer Gründung als eine einzige Entität im Jahr 1920 unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. Die ROCOR wurde schon bald, mindestens ab Mitte der 1920er Jahre, die oberste Institution für die russisch-orthodoxen Gemeinden außerhalb der russischen Grenzen. Relativ bald erfolgte der Bruch mit dem Moskauer Patriarchat aufgrund der politischen und dadurch auch kirchlichen Situation (bis 2007). Die Institution "Archevêché" (Rue Daru, Paris) verselbständigte sich ab Mitte der 1920er Jahre ebenfalls. Sie wurde geleitet vom Metropoliten Eulogius, dem 1921 die gesamten russischen Auslandsgemeinden unterstellt worden waren, auch jene der späteren ROCOR, der aber seine Rechte nicht durchsetzen wollte und sich daher auf die damals mit "Westeuropa" umschriebenen Gebiete (Teile des heutigen Ost-, sowie Mittel-, Nord- und Südeuropa) beschränkte. Seine Jurisdiktion unterstellte sich, ebenfalls aus politischen Gründen, ab 1930/31 dem ökumenischen Patriarchat (bis 2019). Der Streit zwischen den Diözesen von Großbritannien und "Rue Daru" entbrannte aufgrund von Rechtsfragen. Die unterschiedliche Handhabung der Kirchendisziplin führte mindestens ab Anfang 2021 zu Spannungen innerhalb des ROCOR-Bistums, die nicht zu lösen waren. Diese Situation sollte durch eine pastorale Hilfskonstruktion abgemildert, wenn nicht gelöst werden: Das scheiterte nicht nur aufgrund von Verständigungsproblemen; es belastete auch andere Institutionen außerhalb Großbritanniens. Dass beide, ROCOR und Rue Daru, sich nun versöhnen konnten, ist ein sicher notwendiger und - ebenso sicher - auch segensreicher Schritt. Nicht die eigenen Rechte, die "Orthodoxie" der kanonischen Wahrheit, auch nicht die bessere Rhetorik dürfen allerdings ausschlaggebend sein, wenn es um die Sendung der Kirche geht: Jeder der Beteiligten, den jetzt das einigende Band der communio wieder verbindet, darf mit Blick auf das Evangelium und auf den Auftrag der Kirche dankbar sein über das Geschenk der Versöhnung. Sind alle Beteiligten nun wirklich ins Boot geholt worden? Die Verlautbarung der ROCOR ist klar: Nein, es gibt Menschen, denen die Versöhnung der beiden Institutionen nicht zu einer Lösung ihrer Gewissensprobleme hat verhelfen können. Mit Blick auf das Kirche-Sein heißt das: Diese Menschen tragen weiterhin schwer an dem, was Auslöser und Grund der Entzweiung war. Sie tragen diese Last womöglich für all diejenigen, die jetzt wieder in communio stehen. Aus der Position des Unbeteiligten heraus gesprochen - falls es das in der Gemeinschaft der Kirche überhaupt geben darf! - kann das nur bedeuten: Die Kirche ist aufgefordert, sich bewusst zu machen, dass sie verantwortlich ist für die Menschen, die jetzt noch unter das Joch des Zwistes gebeugt sind. Der Sonntag des Zöllners und Pharisäers hat uns das deutlich machen wollen: Der Zöllner hat durch seine Worte "Gott, sei mir Sünder gnädig!" nicht eine rhetorische Demutsfloskel gebraucht, die ihn besser macht als den Pharisäer. Der Zöllner ist ein Sünder, vielleicht ein Betrüger, ein Helfershelfer der Okkupation und der Kolonialherrschaft. Sein Gebet bezieht sich auf wirkliche Schuld und Sünde! Aber er sieht, was falsch ist, was verdreht und "gottlos" ist an dem, was ihm als Ideologie vielleicht Halt und Kraft gegeben hatte. Der Pharisäer ist vor dem Gesetz zumindest in löblicher Weise gerechtfertigt. Er hält sich an das, was die Tradition und eine rigoristische Auslegung der canones vorschreiben. Aber ihm fehlt das Wesentliche: Er sieht nur sich und Gott, da ihm der Zöllner zwar auffällt, aber nur, um im besseren Licht dazustehen. Der Kirche ist ein solcher Blick verwehrt. Ohne alle anderen, die Geachteten oder Verachteten, die Geehrten oder auch Unehrenhaften, die Selbstsicheren oder Zweifelnden, die Machtbesessenen oder Unterdrückten, gibt es die Kirche nicht und gibt es keine Erlösung. Da trifft die "Causa ROCOR - Rue Daru" auf das Schisma in der Kirche: Es braucht die Versöhntheit und die communio und es braucht die mutige Entscheidung zur Versöhnung nach dem Vorbild des Zöllners, es braucht aber auch die Erkenntnis, was denn wirklich verdreht ist am Denken des Pharisäers. - Wie selbstverständlich, mit Betroffenheit gar, wünsche ich mich in die Rolle des Zöllners. Aber ich sehe nicht, dass die Haltung des Pharisäers in mir unbemerkt die Oberhand gewonnen hat, da sie pragmatisch ist, schlüssig und ... zutiefst unmenschlich.
Samstag, 12. Februar 2022
Das maskierte Schisma
Zuerst eine kleine, nicht vollständige Auflistung einiger Artikel zum Thema Schisma und Zerrüttung in den orthodoxen Patriarchaten (dem ökumenischen, von Moskau, von Alexandrien):
- Facebook-Eintrag von Orthodoxie aktuell
- Meldung auf Orthodox Christianity
- Motivation des russ. Eindringens in das Territorium des Patr. von Alexandrien
u. s. w., denn es gäbe noch zahlreiche Veröffentlichungen, die sich in den unterschiedlichen Sprachen zu diesem thema äußern; dazu kommen die Diskussionen zu diesen jeweiligen Beiträgen.
Auffallend ist indes, dass es wie eine "Sprachverwirrung" vorkommen muss, wenn sich die Parteiungen gegenseitig des Unrechts und der Missachtung von Gesetzen und Kanones bezichtigen. Das Schisma zwischen den Patriarchaten ist nicht da, weil Moskau auf seiner Position beharrt, weil der Phanar unrechtmäßig Moskauer Rechte beschnitten hat oder weil Moskau auf fremdes kirchliches Territorium übergreift.
Das Schisma existiert vor allem deshalb, weil die Kirche nicht auf Hass, nicht auf völkische Argumentationen, nicht auf Grenzverschiebung und politische Machtverhältnisse gründen kann, die heute so, morgen anders liegen werden. Das Schisma ist da, weil die sogenannte "Orthodoxe Kirche der Ukraine" ihre Existenz dem Hass und der Ablehnung alles "Russischen" verdankt. Dadurch war die Versöhnung der bis 2018 von der orthodoxen Kirche getrennten Menschen - praktisch aller Hierarchen, Kleriker etc. dieser Neuschöpfung des Phanar - einfach nicht möglich, da sie nicht gewollt war. Als Verwaltungsakt könnte sie - wer weiß das? - stattgefunden haben, doch das hat nichts mit dem zu tun, was Christus und was das Beispiel der Apostel der Kirche aufgetragen hat. Es ist eine abgrundtiefe Wunde: Wer unversöhnt und sogar verfälschend eine Kirchenstruktur errichten will, kann nur eine Nicht-Kirche hervorbringen, denn es fehlt das Wesentliche: die versöhnte Communio.
Diese mangelnde Fundamentierung wird im Phanar seit hundert Jahren durch "Rechtsakte" übertüncht, die im Grunde völlig widersinnig erscheinen: Am Beispiel der Gebiete von Finnland, Estland, jetzt der Ukraine lässt sich eine fatale Haltlosigkeit politischer Machtspiele aufzeigen. In Finnland war die Communio jahrzehntelang zerstört, die Menschen blieben zerstritten, die Mysterien waren nicht Zeichen der Gemeinschaft, sondern Zeichen der Trennung. Erst als das Leid zu groß wurde, als die Versöhnung nicht mehr per Aktennotiz vergegaukelt werden konnte, sondern mit Leben erfüllt werden musste, konnte die orthodoxe Kirche in Finnland Wirklichkeit werden. Das Beispiel Estland ist ähnlich zu bewerten: Was ist das für eine "Kirche", die sich gründet auf das Anti-Russische, so verständlich es vielleicht erscheinen könnte nach den Ereignissen der Okkupation etc. Ohne Versöhnung fehlt die Communio, fehlt im Grunde der "rechte Glaube", die Orthodoxie. Es braucht vieles nicht in der Kirche: der Mensch bleibt Sünder, er bleibt fehlerbehaftet, subjektiv und engstirnig. Was es allerdings braucht in der Kirche ist der Wille, in der Gemeinschaft der Kirche zu leben. Diese Kirche umfasst zwingend alle, die die Mysterien empfangen und als Christen leben wollen. Deshalb gibt es keine "Versöhnung zu Sonderkonditionen", die nur die einschließt, die mir genehm sind oder die mir ersparen könnte, die Versöhnung persönlich anzubieten. Fehlt diese Versöhnung, wird die Kirche ausgeschlossen, obwohl das Dekor scheinbar stimmt. Deshalb die nachgeholte Weihe von Männern, die aus dem Schisma in die Kirche zurückkehren, deshalb aber auch die Praxis, die Weihen von römisch-katholischen Klerikern anzuerkennen (nach dem Brauch des Moskauer Patriarchats): Eine Unversöhntheit (im oben dargelegten Sinne) ist bei diesen röm.-kath. Weihevorgängen nicht anzunehmen und die Aufnahme in die orthodoxe Kirche stellt eben keinen Verwaltungsakt dar, sondern eine tiefgehende, von Gott charismatisch bewirkte Heilung.
Unverständlicherweise tritt das Schisma zwischen dem Phanar, Moskau, Alexandrien, Jerusalem und Antiochien völlig in den Hintergrund, während die Folgen der schismatischen Situation in aller Munde sind. Lösungen lassen sich so freilich nicht finden. Denn die Problematik wir augenscheinlich, z. B. in den verlinkten Artikeln, überhaupt nicht benannt. Wer aneinander vorbeiredet, kann sich nicht wirklich verstehen.
Montag, 24. Januar 2022
Kirchenpolitik und Ukrainekonflikt
Die Nachrichten sprechen von Krieg, die Politiker klagen an, und die orthodoxen Kirchen finden keine Worte und keine Lösungen in den schweren Verletzungen, die der Kirche zugefügt werden. Sonderbarerweise läuft es in Politik und Kirche nach dem gleichen Muster: Was opportun erscheint, wird durchgewunken, was nicht, wird sanktioniert. Immer wieder ist zu hören, dass es beim Ukraine-Konflikt zwischen Istanbul-Phanar und Moskau um kirchenpolitische Fragen gehe und dass hier von einer den Glauben betreffenden Angelegenheit nicht die Rede sein könne. Allerdings funktioniert diese Einordnung nur dann, wenn die Kirche eine Einrichtung unter anderen ist: als stünde sie etwa neben einer x-beliebigen Staatsform und folgte seinen Gesetzmäßigkeiten, als könne man sie vergleichen mit dem, was gemeinhin "Institution" genannt wird - und was doch etwas ganz anderes ist, als es die Kirche sein kann. Sie ist nämlich tatsächlich Institution, aber im Vollsinne des Wortes: sie ist eingesetzt, nicht von Menschen, nicht von Organen, nicht auf der Grundlage von Philosophien, sondern eingesetzt durch einen Auftrag Christi: das Evangelium zu leben und zu verkünden. Tatsächlich brauchte es nicht viel mehr, um die Kirche zu "instituieren"; das, was wesenhaft zur Kirche gehört, nämlich ihre apostolische Verwurzelung, ihr Leben in der Gegenwart des dreieinen Gottes mittels der liturgischen Vollzüge, die Weitergabe des apostolischen Erbes durch das Evangelium und die Traditionen, all das ist in der Kirche gegeben, seitdem Menschen den Fleisch und Mensch gewordenen Gott erkennen durften und bekennen.
Diese Frage, was an der Kirche denn definierbar und konstruierbar sei, hat folglich zum Bruch zwischen der orthodoxen Kirche und der röm.-kath. Kirche geführt. Allein der Umstand, dass der vorstehende Satz in dieser Form wohl keineswegs akzeptiert würde von den Vertretern der röm.-kath. Kirche, zeigt auf, vor welchen Schwierigkeiten die Menschen stehen, die zur orthodoxen Kirche gehören. Denn es kann den Christen ja nicht darum gehen, sich künstlich zu spalten und zu trennen. Dass aber der Katholik die Frage anders stellt, hat mit einer Verschiebung der "Konstanten" zu tun, die in dieser Form auch im römischen Dunstkreis tatsächlich nicht ursprünglich ist.
- Über viele Jahrhunderte galt der Grundsatz, dass als untrennbar zu gelten hat, was zur Institution Kirche gehört. -
Alle Komponenten der Kirche bildeten in Ost und West zu jener Zeit ein Ganzes, wie auch die Kirche an ihrem jeweiligen Ort und unter ihrem jeweiligen Bischof ein Ganzes war, ohne dass alle diese örtlichen Kirchen aufgehört hätten, die eine Kirche zu bilden. Die Sakramente, die Organisation, die Sprache, die Disziplin - all das konnte sich in ihrer Form - nicht ihrem Inhalt nach - unterscheiden in Ost und West. Was sich nicht unterschied, war die Überzeugung, dass nichts von all dem separiert werden konnte ohne Angriff der Kirchlichkeit. Das ist wohl eines der Hauptprobleme, wenn es um die Kirche in der Ukraine geht. Es ist einfacher, die canones der entsprechenden Konzilien anzuführen, um bestimmte Maßnahmen zu legitimieren, wie es seitens des Phanar geschehen ist. Dass eine solche Argumentation für andere Kirchen nicht akzeptabel ist, kann nicht verwundern: Dem orthodoxen Kirchenverständnis fehlt die Möglichkeit, buchhalterisch hochzurechnen und dadurch das Mysterium der Kirche aufzurechnen. Fatal bleibt der politisch motivierte Hintergrund des kirchlichen Ukraine-Konflikts. Eine "Landeskirche" der Ukraine auf das Fundament einer den Hass und die Abneigung schürenden politischen Strömung zu gründen, entspricht zwar einer gewissen Opportunität, widerspricht allerdings dem grundlegenden Auftrag der Kirche. So ist es keineswegs verwunderlich, dass der Großteil der orthodoxe Kirchen der "nouvelle théologie" des Phanar und jener Kirchen, die ihn unterstützen, eine Absage erteilen müssen. Sonderbarerweise versagt an dieser Bruchstelle diese "nouvelle théologie": Dass es in der Kirche eine "Versöhnung" geben kann, die losgelöst ist von grundlegenden Komponenten dieser (kirchlichen) Versöhnung, darf verneint werden: Philaret Denisenko und alle mit ihm aus der Gemeinschaft der Kirche entlassenen Menschen können nicht durch einen Jurisdiktionsakt zweifelhafter Art Versöhnung finden; dadurch unterscheidet sich der Fall gundlegend von der Wiedereingliederung der russ. Auslandskirche ins Moskauer Patriarchat. Es bedarf einer Versöhnung in der Kirche, mit den Beteiligtenm, nicht eines Rechtsaktes, um wieder das Mysterium der Kirche abbilden zu können.
Diese wesentlichen Aspekte außer Acht zu lassen, ist nicht mehr "Kirchenpolitik", ist auch nicht mehr "ein anderer Blickwinkel". Es geht bei diesen Aspekten um grundlegende theologische Wirklichkeiten, die weitreichende Folgen haben für alle Christen.
- Eine ganz entscheidende Frage wird sein: Wo existiert und lebt die Kirche weiter mit all ihren Charismen und Sakramenten, mit ihrer Unversehrtheit, die sich nicht auf menschliche Sündlosigkeit und Sophismus stützt, sondern auf die Gnade des Heiligen Geistes, die wirksam werden kann, auch das bleibt wahr, durch die Vermittlung sündiger und unvollkommener Menschen der Kirche.
Dienstag, 12. Januar 2021
Die Macht des Wortes - verantwortungsvoller Journalismus
Gerade jetzt im neuen Jahr muss es sauer aufstoßen, wenn eine Zeitung wie "Die Tagespost" sich zum Sprachrohr der Parteiungen macht. Auffällig ist freilich nicht nur die Parteinahme der "Tagespost" für Strömungen innerhalb der Orthodoxie, die nicht so einfach abzuhandeln sind, wie es den Redakteuren erscheinen mag. In einem jüngst erschienenen Artikel beklagt Stephan Baier die Diskreditierung des Moskauer Patriarchats in Hinblick auf die Hilfe für verfolgte afrikanische Christen. Diese Diskreditierung sei Folge der kirchenpolitischen Ambitionen des Moskauer Patriarchats, seiner Eigeninteressen. Leider unterschlägt der Autor manche Details: Er erwähnt nicht die Positionierungen der Moskauer Bischofssynode zugunsten des "Ökumenischen Patriarchats" und seiner Bedeutung, er erwähnt nicht die bei weitem komplexere Binnensituation der orthodoxen Ortskirchen - Jerusalem mit ihrer Vermittlerrolle, die anderen Patriarchate in ihrer Stellung im politischen Gefüge - und sieht folglich nur die vermeintlichen russischen Angriffe auf die Aggressoren der russischen Kirche: den Phanar, dem seine Protos-Rechte streitig gemacht würden, den Patriarchen von Alexandrien, der zum "Phanar" hält und dem deshalb "Moskau" eine Hundertschaft Priester abspenstig machen will. S. Baier verkennt scheinbar völlig die strukturelle Schwachstelle seines Argumentationsgefüges: Die "Orthodoxie" sieht sich nicht zuerst als Größe, die es zu verteidigen gilt, sondern sie sieht sich vor allem als Kirche, die im apostolischen Glauben leben möchte. Obwohl sicherlich auch Machtgefüge und Einfluss nicht auszuklammern sind, verbietet sich doch eine einseitige Argumentation, wie sie S. Baier zum wiederholten Male vorträgt und für die er sich zum Sprachrohr macht. Orthodoxerseits findet tatsächlich ein Kampf statt: es ist der um die Orthopraxie, das rechte Handelns. Nicht umsonst hat das Außenamt des Moskauer Patriarchats betont, dass eine Übernahme von Priestern des Patriarchats von Alexandrien zuerst einmal nicht wünschenswert ist, da sie zu einem anderen Patriarchat gehören. Legitim wäre ein solche Übernahme erst dann, so ist zu folgern, wenn das Wohl der Gläubigen auf dem Spiel steht. Denn es ist die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, um die es geht, es sind nicht Landesgrenzen oder Macht und Einfluss - was immer menschliche Unvollkommenheit auch durch die Hintertür einzubringen vermag (und was nicht abgestritten werden soll).
Daher wäre es wichtig und wünschenswert, wenn auch im Journalismus die Macht des Wortes gebührend Beachtung fände. Es brauchte keine Lobhuddelei auf wen auch immer sein, aber eine einigermaßen ausgewogene Berichterstattung verdient auch jemand, dem ich nicht meine Sympathie entgegenbringe.
Dienstag, 22. Dezember 2020
Gott hat sein Gesicht verloren ...
... Das könnte man meinen, wenn man sich umsieht. Natürlich ist das unmöglich: Gott hat uns allen ja sein Gesicht gegeben, da er der Schöpfer ist. Wir sind als Kirche sein Leib, ein mystischer, nur im Geheimnis wahrnehmbarer Leib zwar, aber trotzdem real und greifbar. Die Kirche hat fundamentale Stützen: die apostolische Lehren und das Glaubensbekenntnis. Gerade mehren sich die Botschaften verschiedener Bischöfe. Sie mahnen alle die Einheit der orthodoxen Kirche an. Welche Antworten geben die Stützpfeiler der Kirche auf die ungelösten Fragen, die häufig in diesen Bischofsbotschaften angesprochen werden? Einmal ist es die grundlegende Antwort überhaupt: Als Kirche und als Kirchen in Land X und in Land Y haben wir auf Christus zu schauen, nicht auf die Politik, auf Grenzen, auf Ethnien. Eine zweite, vielleicht drängendere Antwort aus apostolischer Zeit ist die Blickrichtung: die Kirche, bestehend aus ihren Bischöfen zusammen mit den Gläubigen, kennt keine andere Hierarchie als die apostolische, bei der das Haupt Christus, alle anderen aber Geschwister sind, wenn auch mit unterschiedlichen Augaben betraut. Daraus ergibt sich die Verfassung der Kirche, die notwendigerweise hierarchisch ist, was aber bedeutet: die Gemeinschaft der Kirche, vertreten durch die Bischöfe (von denen manche auch Patriarchen genannt werden), trifft Entscheidungen im Blick auf ihr Oberhaupt, Christus, in Zusammenkünften und auf Synoden. Diese apostolische Verfassung der Kirche ist keine kirchenrechtliche Spitzfindigkeit, sondern ein sakramentaler Ausdruck ihres Wesens. Einfacher ausgedrückt bedeutet das: Durch die Bewahrung der apostolischen, orthodoxen Verfasstheit der Kirche dürfen wir alle am sakramentalen Leben der Kirche teilhaben. Denn es sind weniger bestimmte Riten und Rubriken, die die Sakramente beseelen, sondern es ist der unverfälschte Glaube der Kirche, in den diese Mysterien mittels äußerer Formen eingepackt sind.
Verliert also Christus sein Gesicht, wenn die Kirche mit allen Kräften versucht, am apostolischen Glauben festzuhalten? Auch das kann nicht sein. Denn das, was gerade geschieht - Streit, Unfriede, Ärgernis, Ablehnung, Auflehnung -, das alles lässt zu, dass wir Menschen unser Gesicht vielleicht voreinander zu verlieren scheinen. Denn eines ist klar: Ein Christ verliert sein Gesicht nicht, weder durch die Sünde, noch durch Ehrenrührigkeiten... In dieser Weihnachtsfastenzeit wird daher sehr deutlich, was uns fehlt. Der Blick auf die Würde des Menschen, die soweit geht, dass ein früher Bischof sagen konnte: "Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werde." (hl. Athanasius) Wenn dem so ist, dann müssen wir alles daransetzen, diese Würde des Menschen - jedes Menschen - zu verteidigen. Natürlich beginnt das im Kleinen, bei jedem Entrechteten oder Gedemütigten. Aber im Blick auf die Kirche heißt das eben auch: Die Einheit der Kirche kann nur in der gelebten Wahrhaftigkeit gefunden werden. Daher wird es keine Kirche in der Ukraine geben können, die auf Hass gegründet ist. Ein solches Konstrukt kann weder Kirche genannt werden, noch wird sie jemals apostolisch heißen. Deshalb sagt der Bischof von Kiew auch: "... bewaffnet Euch mit dem Gebet!" Und im Grunde ist das Gebet die einzige sinnvolle Waffe gegen den Hass! Es geht in dieser Frage nicht wirklich um Patriarchatsstreitigkeiten oder Vormachtstellungen. Es geht um die Kirche als Leib Christi! Nur aus diesem Grund gab es keine andere Möglichkeit, als uns allen ein Höchstmaß an liebender Verbundenheit abzuverlangen - durch die Aussetzung der "communio", die niemals auf Hass gegründet sein kann. Denn - in aller Ehrlichkeit gesagt - es ist doch völlig egal, welcher Bischofssitz die Verbindung zur Kirche gewährt, ob nun Moskau oder Istanbul, etc. Dass nunmehr aber die politischen Interessen umso deutlicher werden, sollte für die Kirche als ganze nur noch mehr Antrieb sein, sich entschieden gegen den Hass zu wenden und die Versöhnung zur Tat werden zu lassen. Das wird nur gelingen, wenn jeder bereit ist, auch die Geschichte als authentischen Ausdruck der Anwesenheit Gottes zu werten: dass "Konstantinopel" für die griechische Welt einen Halt darstellt, dass die "Rus" bis heute eine staatenverbindende Wirklichkeit sein darf, dass die Kirche in allen Sprachen und Kulturen auf eine je andere Art gegenwärtig sein kann. Nur dann übrigens sind wir wirklich orthodox, da jede Kleinkariertheit im Widerspruch steht zur apostolischen Lehre.
Denn sonst hätte der Erlöser der Welt niemals in einer Höhle geboren werden und niemals am Kreuz sterben dürfen. Er hätte sein Gesicht verloren, so denken wir sicher.
Mittwoch, 4. November 2020
Dankbarkeit
Es ist gerade ein Jahr her, dass sich der älteste Zweig der außerhalb Rußlands existierenden Diözesanverbände des Moskauer Patriarchats, das "Erzbistum der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa", wieder als Diözese in die Obedienz seiner geistlichen Erzeugerin bzw. Mutterkirche begeben hat. Nach dem in Rußland gültigen kirchlichen Kalender fiel der letzte offizielle Tag der Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung (vom 2. bis 4. November 2019) auf das Fest der Gottesmutterikone von Kasan, die unter diesem Titel als Schutzpatronin des russischen Landes verehrt wird. Das "Erzbistum" war lange Jahrzehnte jurisdiktionell einem anderen Patriarchat angeschlossen, dem ökumenischen mit Sitz im Phanar. Vielleicht waren es die sich immer schneller drehenden Mühlen der Bürokratie und der Diplomatie, die die Wiedervereinigung am 3. November 2019 in Moskau haben zustande kommen lassen. Zumindest kann es heute nur providentiell erscheinen, dass sich zumindest ein Zankapfel der orthodoxen Welt eindeutig positionieren musste und durfte. Dass leider auch da Zwistigkeiten und Verärgerungen zu Trennungen geführt haben, ist nicht zu verschmerzen, aber - so scheint es - keine Tür ist in diesem Fall wirklich zugefallen und verbaut. Für weite Teile der orthodoxen Welt ist das Ereignis der Wiedervereinigung von zwei in langen Jahren eher auseinandergedrifteten Institutionen ein Anlass zu großer Dankbarkeit, denn es ist ein Segen und segenreich für alle, denen die Einheit und der orthodoxe Glaube am Herzen liegen. Manches Mal könnte es so scheinen, als sei ein diplomatischer Akt vor Gott zu einem Sprungbrett geworden: nämlich zur Überwindung immer gewichtiger erscheinender Mauern und Vorurteilen, die sich in den Augen Gottes wohl allesamt als dürftige Vorbehalte erweisen werden. Die Dankbarkeit sollte umso größer sein, als sich jetzt nur noch tiefere Abgründe der Uneinigkeiten auftun in den orthodoxen Kirchen. Immer mehr tun sich allerdings auch theologische Abgründe auf, die nicht mehr kaschiert werden, da sie als gegeben präsentiert werden: die Abgründe einer Ekklesiologie, die sich noch nicht einmal mehr den Mantel der apostolischen Orthodoxie überwirft. Es ist die Ekklesiologie der Ansprüche und Vorränge, nicht mehr die der Communio und der Communicatio. Es geht scheinbar um Werte und Kultur, dabei lägen sie doch gerade im Wesen der wirklich orthodoxen Ekklesiologie begründet: Es wären die Werte der Hinordnung auf den einzigen Herrn und Hirten der Kirche, auf den Erlöser und Bischof unserer Seelen, auf Jesus Christus. Dankbarkeit und gewissenhaftes Bekenntnis sind die wesentlichen Früchte jenes aufrichtigen Wiederfindens der alten kirchlichen Communio, wie es für das "Erzbistum" und das Moskauer Patriarchat der Fall ist. Dass es Wunden und Verletzungen gab und gibt, bleibt dann nebensächlich, da sie auf der Grundlage der gemeinsamen Fundamente heilbar sind. Viel wichtiger ist aber wohl jetzt noch, dass diese Wunden endlich verbunden werden, da viele von ihnen erst jetzt wirklich angeschaut und gereinigt werden können. Wenn das geschehen ist, darf die Ausheilung in Ruhe und gründlich vor sich gehen; aber sie wird zur völligen Gesundung führen! Die Dankbarkeit dafür wird zum Gebet um die Wiederherstellung des wirklich orthodoxen Glaubens:
Auf die Gebete unserer heiligen Väter, Herr Jesus Christus, unser Gott, erbarme Dich unser!
Dienstag, 16. Juni 2020
Ein pfingstliches Anliegen - das Gebet um die Einheit der Kirche
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| Synaxis der Ersthierarchen - Chambésy 2016 |
Kanavka - das Gebet um die Einheit der Kirche
Dienstag, 5. Mai 2020
"Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern..." (Mt 28,19)
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| Kathedrale Rue Daru, Paris, 2017: Bischof Nestor, Erzbischof Jean, Metropolit Emmanuel |
Es ist Ostern und die Erde wartet nicht erst seit Anfang März auf die Frohe Botschaft. Und obwohl es Ostern ist, bleibt die Kirche der Welt vieles schuldig. Am sichtbarsten ist momentan die Schuld der Zersplitterung. Manche reden von Schisma, doch dazu fehlt es an Intelligenz und Größe bei de, was sich tut oder nicht tut.
Kürzlich wurde - und das ist der Anstoß dieser Meditation - eine neue orthodoxe Gemeinde in Paris (VIIème) gegründet. Es ist die Splittergruppe der alten "Krypta"-Gemeinde der Kathedrale der Rue Daru, die sich mit respektabler Mehrheit dafür entschieden hatte, ihrem Bischof zu folgen. Es gibt nun Kommentare, HIER z.B., wo es heißt: "Alexandra de Moffarts. La crypte est passé à Moscou, et une petite moitié était contre ce passage et l'a quittée." (Will heißen: "Die Krypta ist zu Moskau übergewechselt und eine kleine Hälfte war gegen diesen Wechsel und hat [die Krypta-Gemeinde] verlassen."). Verwunderlich, wie wenig dort von einer gesunden Ekklesiologie zu lesen ist. Man wechselt "nach Moskau"! Natürlich ist gemeint: Man hat das Patriarchat gewechselt...
Dienstag, 20. August 2019
Erzbistum der russisch-orthodoxen Gemeinden in Westeuropa (Rue Daru, Paris)
Tatsächlich tobt momentan ein kirchenpolitischer Machtkampf: Die Menschen kämpfen scheinbar um Ansehen, Größe, Einfluss und Vormachtstellungen - und all das hat Jesus Christus vorhergesehen, man möge die bekannten Stellen in den Evnagelien nachlesen. Erbittert wird zur Zeit um Quoten gerungen im nicht mehr existierenden "Exarchat russischer Tradition in Westeuropa", dem jetzigen "Erzbistum russisch-orthodoxer Gemeinden in Westeuropa". Es ist nicht jedermanns Sache, an solchen Diskussionen teilzunehmen; Quoten, Gemeindeanzahl und Gemeindegröße sind eher Anhaltspunkte für die Lokalpolitik und dürfen daher niemals missbraucht werden, um die Kirche Christi zu "bewerten" oder um Chancen auszurechnen, wie man am besten überleben kann. Der Herr der Kirche ist die einzige und einzig wirkliche Chance, das Überleben zu sichern; vielmehr noch: Er wird alle Krankheiten und allen Hass heilen! Städte und Metropolen werden fallen und vergehen, wie auch das Konstantinopel Konstantins und seiner Nachfolger vergangen ist und niemals wieder sein wird. Auch das heilige Moskau des Zaren wird es nicht mehr geben. Das alles ist gut und beruhigend, denn die Kirche braucht weder Konstantinopel, noch Jerusalem, noch Moskau, noch Bukarest, noch Sophia, noch irgendeine der Metropolen, um Christi Leib zu sein und zu bleiben. Das einzig Notwendige für sie sind die Menschen - wenige oder viele, das ist völlig egal!
Hier einige lesenswerte Initiativen, die versuchen, verlorenes kirchliches Denken in die Diskussion einzubringen, wie die Zukunft des Erzbistums der russisch-orthodoxen Gemeinden in Westeuropa weitergehen könnte, wenn man bereit ist, die Freiheit Christi zu wählen, nicht die der (doch allzu trügerischen!) weltlichen Mächte:
- Unterstützung für Erzbischof Johannes von Chariopolis.
- Offener Brief des engl. Priesters Vater Timothy Curtis.
Hier einige lesenswerte Initiativen, die versuchen, verlorenes kirchliches Denken in die Diskussion einzubringen, wie die Zukunft des Erzbistums der russisch-orthodoxen Gemeinden in Westeuropa weitergehen könnte, wenn man bereit ist, die Freiheit Christi zu wählen, nicht die der (doch allzu trügerischen!) weltlichen Mächte:
- Unterstützung für Erzbischof Johannes von Chariopolis.
- Offener Brief des engl. Priesters Vater Timothy Curtis.
Freitag, 28. Juni 2019
Moskau und Paris
Wie hier zu lesen ist, hat ein Gespräch von Vertretern des Moskauer Patriarchats und dem Erzbistum der russisch-orthodoxen Gemeinden in Westeuropa (Rue Daru, Paris) am 21. Juni in Wien stattgefunden. Der Titel des Blogbeitrags wird sicherlich direkt Ablehnung in manchen Kreisen hervorrufen: "Die russisch-orthodoxe Kirche ist bereit, ihre Statuten für ihre Landsleute zu ändern". Dass es immer noch und vor allem um Versöhnung geht zwischen den beiden Seiten, darf nicht vergessen werden; dass politische Machenschaften keinesfalls die Kirche regieren dürfen, das muss klar sein: Als orthodoxe Christen sind wir alle "Landsleute", denn wir gehören zur Gemeinschaft der Heiligen, das himmlische Jerusalem ist unser aller Heimat. Es ist anzunehmen, dass der Blogtitel mit Bedacht gewählt wurde. Die beißenden Reaktionen sind nämlich vorherzusehen - der Menschen nämlich, die zu allem bereit sind, außer sich versöhnen zu lassen mit "den Russen", so will es manchmal scheinen! Wie wichtig ist es da, uns die himmlische Heimat eines jeden in Erinnerung zu rufen, nach der wir alle "compatriotes" sind, die nicht die Glorie dieses oder jenes "Neu-" oder "Neu-Neu-Rom" suchen, sondern die Verherrlichung Gottes durch den Frieden, der Christus selbst ist und den wir annehmen dürfen, wenn wir das wollen. Es drängt sich der Vergleich mit der Situation in der Ukraine auf, wo vor lauter Autokephalie und Hass auf Rußland das Wesentliche zerstört wurde - der Friede Christi zwischen Christen und sogar Nicht-Christen.
Freitag, 4. Januar 2019
"Preiset den Herrn, denn er ist gut! Denn in Ewigkeit währt seine Barmherzigkeit." (Ps 117,1)
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| Vladimir Kireev - The mirror |
Das Jahr 2019 wird segensreich sein, wie es auch das Jahr 2018 war. Es ist der Segen Gottes, der nicht vergleichbar ist mit den "Segnungen" des gewöhnlichen Alltagslebens. Deshalb sollten wir diesen göttlichen Segen nicht einfachhin übergehen oder gar verkennen.
In den letzten Tagen sind einige Neuigkeiten bekannt geworden bezüglich der schwierigen Situation in der Ukraine:
- Die polnische orthodoxe Kirche hat klar gemacht, dass sie nicht in kirchliche Gemeinschaft mit den nunmehr vom Phanar anerkannten Schismatikern treten wird und diesen Standpunkt allen orthodoxen Kirchen mitgeteilt.
- Auch die serbische orthodoxe Kirche hat mittlerweile die Autokephalie als Ausdruck einer politisch motivierten Konzertation zurückgewiesen.
- Der Phanar versucht hingegen, die anderen orthodoxen Kirchen zu ermahnen, dem ökumenischen Patriarchat mehr Respekt entgegenzubringen.
- Der Brief des Patriarchen Kyrill von Moskau, den er an Patriarch Bartholomäus geschrieben hat, ist mittlerweile auch in englischer Sprache verfügbar.
Das alles ist für viele orthodoxe Christen nur schwer zu ertragen. Und doch könnte man fragen, ob nicht gerade diese Ereignisse ein besonderer Segen für die Orthodoxie sind. Sie bringen Klärung und Klarheit, denn sie legen offen, wo die theologischen wunden Stellen zu suchen sind. Nicht zuletzt ist eine wunde Stelle der Kampf um Macht. Es ist ein vergeblicher Kampf, das dürfte klar sein - sofern man einen klaren Blick behalten kann. Nicht weniger anfällig ist man für den Nationalismus. Beide Versuchungen hat Christus offengelegt und für beide hat er die Arzneien an die Hand gegeben:
"Der Größte unter euch soll euer Diener sein." (Mt 23,11)
"Die samaritische Frau sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern. Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.[...] Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss. Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet." (Joh 4,9ff)
Die Mahnungen Jesu sind vernehmlich genug. Wer sie zu lesen weiß, der wird sie nicht als Mahnung, sondern als Verheißung erkennen können, denn keine bestimmte Sprache, keine bestimmten Bräuche, kein bestimmtes "Volk", keine alten oder neuen Grenzen sind in der Kirche ausgezeichnet und kanonisch festgeschrieben, sondern einzig das Streben zu Gott hin.
Samstag, 1. Dezember 2018
Russisch geprägte Orthodoxie auf dem Prüfstand
Der Synod des ökumenischen Patriarchats in Istanbul hat am Dienstag die Auflösung des "Exarchats orthodoxer Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa" beschlossen, dem vor allem in Frankreich zahlreiche Gemeinden angehören. Es ist eine Gründung des hl. Patriarchen Tichon von Moskau. Daher seine Prägung und sein Herkommen. Erst durch die politischen Zwänge der 1930er Jahre hat sich das "Exarchat der Rue Daru" dem ökumenischen Patriarchat "provisorisch" unterstellt, nachdem die Repressalien seitens der UdSSR nicht mehr akzeptabel waren. Hier soll in dt. Übersetzung ein erhellender Kommentar ineinem französischsprachigen Forum ("Parlons d'orthodoxie") folgen, der einen interessanten Blickpunkt offenbart. Überdies scheint sich nicht wenig zu bewahrheiten von dem, was ausgewogene Kommentare schon seit längerer Zeit vermuten lassen.
"père Joachim" schreibt auf "Parlons d'orthodoxie" (in Übersetzung):
"01/12/2018 00:23
Diesem Kommentar ist hinzuzufügen, dass man sich kirchenpolitisch nur selten an die geistlichen Hintergründe zu erinnern scheint. Die "canones" existieren aufgrund der Glaubensrealitäten, nicht umgekehrt. Das Evangelium kann nicht dem Gesetz geopfert werden, ohne grundlegende Abstriche an der Orthodoxie zu machen - das wird auch der Grund für die Aufhebung der Kommuniongemeinschaft mit dem ökumenischen Patriarchat seitens des Moskauer Patriarchats sein. Ein sehr gewichtiger Grund, der zu denken geben sollte.
Montag, 5. November 2018
Florenz - eine Gemeinde liefert die Antwort
| "Eifrige Schützerin, Mutter des allerhöchsten Herrn, für alle bittest du deinen Sohn, Christus, unsern Gott, und allen erwirkest du Rettung, die fliehen unter deinen mächtigen Schutz!" |
Am gestrigen Sonntag wurde in der Gemeinde von Florenz ein Schreiben des zuständigen Bischofs von Richmond der russischen Auslandskirche verlesen [siehe dazu: Quelle], in dem er die Gemeinde beglückwünscht, dass sie nunmehr ein gesegnetes liturgisches Gemeindeleben führen können. Alle Suspensionen seien nichtig (d.h. die am 1. November vom vormaligen Bischof der Gemeinde, dem des Exarchats der russ. orthod. Gemeinden in Westeuropa / ökumen. Patriarchat ausgesprochene Suspendierung der Gemeindepriester). Das zeigt leider auch, dass das ökumenische Patriarchat als nicht mehr zur orthodoxen Kirchengemeinschaft zählend angesehen wird, da die Gemeinde in Florenz die Ordnung für einen Wechsel der Diözese nicht eingehalten hatte - d.h. die Bitte um Entlassung aus einem Bistum vor der Eingliederung in ein anderes Bistum, was einem angemessenen Verhalten unter Christen entspräche. Die sehr eindeutige Antwort der russ. Auslandskirche auf eine im Raum schwebende Frage kann mehr als nur beunruhigen. Sie lässt daran denken, dass man von dogmatischen Hindernissen für eine "communio in sacris" mit dem ökumenischen Patriarchat ausgeht. Zumindest diese Schlußfolgerung ist bei manchen Wortmeldungen auch griechischer Hierarchen nicht auszuschließen.
Donnerstag, 1. November 2018
Patriarch Kyrill zur Situation in der Orthodoxie (engl.)
Auf "orthodoxie.com" ist die Übersetzung einer Ansprache von Patriarch Kyrill erschienen, die zum besseren Verständnis des Ukraine-Konflikts beiträgt: Hier die Verweisung.
Mittwoch, 31. Oktober 2018
Kirche oder Nation
Wenn man kürzlich in franz. Übersetzung veröffentlichte Ansprachen des ökumenischen Patriarchen Bartholomäus liest [Quelle], stolpert man über den Begriff "unsere Nation", der im gleichen Atemzug genannt wird mit den geistlichen Gesetzen der Kirche, indem "die fromme Tradition unserer Nation" (η ευσεβής του Γένους μας παράδοσις) als konstituierend anklingt. Es bleibt zu hoffen, dass mit dieser Nation nicht die griechische gemeint ist. Für Christen kann die Nation in umfassenden Sinne nur die gleiche Abstammung von Christus sein, die in der Taufe grundgelegt ist. Ihr sind alle Nationalitäten, Sippschaften, Ethnien und Völkerschaften vollumfänglich untergeordnet, da sie dem Schöpfungswillen Gottes entstammen, der den Menschen dorthin gestellt hat, wo er hingehört. Andererseits stellt Patriarch Kyrill klar, dass es ihm nicht um gegenseitige Demütigung geht, sondern dass er bereit ist, alle Schritte zu tun, die für die Klärung der Ukraine-Frage notwendig sind - deshalb sei er auch nach Istanbul gereist, obgleich das von manchen als demütigend empfunden worden sei [Quelle]. Was im Augenblick zählt, ist ein Blick frei von Verurteilungen auf die schmerzlichen Ereignisse in der orthodoxen Kirche. Überall auf der Welt in den Kirchen wird während der Liturgie und in den Gottesdiensten inständig darum gebetet, dass die Angriffe des Bösen nicht überhand nehmen. Tatsächlich ist die Anstrengung zur Überwindung des Bösen ein großer Schatz: "Halte Dich mit Bewußtsein in der Hölle und verzweifle nicht!", so lässt es der Erlöser den hl. Siluan vom Athos wissen. Dieser Weg wird alle zur Einheit führen und verhindern, dass sich Häresien im wahrsten Sinn des Wortes durchsetzen können.
Montag, 22. Oktober 2018
"communio" ohne Gegenüber?
Man kann lesen [Quelle], dass die vom ökumenischen Patriarchat gesandten Bischöfe bereit sind, mit allen ukrainischen orthodoxen Denominationen zusammenzuarbeiten. Eine verwunderliche Position nach dem widerrechtlichen Agieren dieser Bischöfe auf dem Gebiet der vom ökumenischen Patriarchat ganz klar als einzige kanonische orthodoxe Kirche deklarierten ukrainisch-orthodoxen Kirche innerhalb des Moskauer Patriarchats! Es stellt sich die Frage, was ein solches Verhalten bewirken soll. Mittlerweile hat man im Istanbuler Phanar Entscheidungen getroffen, die von der orthodoxen Welt mit Unverständnis zur Kenntnis genommen und verurteilt werden [Quelle , Quelle]. Das betrifft zuallererst die Aufnahme der "communio" mit den von der Orthodoxie getrennten Führern der beiden ukrainischen Gemeinschaften des sogenannten "Kiever Patriarchats" und der "autokephalen urainischen Kirche". Im Grunde könnte es erscheinen (und es wird mancherorts tatsächlich so interpretiert), als wolle man im Phanar eher in deren von der anerkannten Orthodoxie getrenntes Lager wechseln, da man alle Instanzen übergeht, die kanonisch rechtens für die Heilung solcher Trennungen zuständig sind und einzig zuständig sein sollten - nämlich die beiden ursächlich Betroffenen des Schismas. Die Wunde der Trennung kann nicht durch gelehrte Vorlesungen über bestimmte Vergehensweisen bei der geistlichen "Wundversorgung" geheilt werden, sondern nur im direkten Miteinander der Betroffenen. Das sind im vorliegenden Fall zuallererst der zuständige Metropolit Onuphrius von Kiev, der zuständige Patriarch in Moskau und die betroffenen Personen im Schisma - im Bewußtsein ihrer Verantwortung vor dem Herrn und Oberhaupt der Kirche.
Leider gibt es auch keine Gemeinschaft ohne Gegenüber: So bedrückend die unterbrochene kirchliche Gemeinschaft der Patriarchate von Moskau und dem historischen Konstantinopel ist, so wenig kann man diese Trennung einseitig ungeschehen machen, obwohl bekanntlich Gottes Handeln in höchstem Maße unkanonisch im wahrsten Wortsinn zu nennen ist.
Leider gibt es auch keine Gemeinschaft ohne Gegenüber: So bedrückend die unterbrochene kirchliche Gemeinschaft der Patriarchate von Moskau und dem historischen Konstantinopel ist, so wenig kann man diese Trennung einseitig ungeschehen machen, obwohl bekanntlich Gottes Handeln in höchstem Maße unkanonisch im wahrsten Wortsinn zu nennen ist.
Montag, 15. Oktober 2018
Aufhebung der Konzelebration der Patriarchate von "Konstantinopel" und Moskau
Es ist die Folge einer tiefgreifenden Unstimmigkeit zwischen dem ökumenischen Patriarchat einerseits und - zuallererst, aber nicht nur - dem Moskauer Patriarchat andererseits. In einer Sitzung des Hl. Synods in Minsk haben die Mitglieder der Bischofsversammlung konstatieren müssen, dass bis auf weiteres "zu unserem großen Bedauern, es uns nicht möglich ist, die eucharistische Kommuniongemeinschaft mit den [von Konstantinopel abhängigen] Hierarchen, seinen Klerikern und seinen Laien aufrecht zu erhalten." [Quelle] Diese Entscheidung wurde scheinbar getroffen unter besonderer Berücksichtigung der Umstände, dass das ökumenische Patriarchat mit dem Anathama belegte und ins Schisma abgewanderte Kleriker in seine Kommuniongemeinschaft aufgenommen hat. Es kann nicht verwundern, dass ein solcher Schritt seitens des Phanar als Abbruch der "communio in sacris" durch den Akt der Aufnahme jener Kleriker erscheinen muss, der womöglich sogar ins Auge gefasst wurde. Zumindest ist die Reaktion des Moskauer Patriarchats absehbar gewesen, da die Vorsteher der nichtkanonischen Kirchen in der Ukraine (das sogen. "Kiever Patriarchat" und die ukrainische autokephale orthodoxe Kirche) im Schisma, also geistlich getrennt vom der orthodoxen Ortskirche gelebt und gewirkt haben. Philaret Denisenko ist zudem mit dem Anathema belegt.
Die Erklärung des Synods wurde neutral gehalten; nach Aufzählung jener unhaltbaren Widersprüche zwischen den beiden Patriarchaten von Konstantinopel und Moskau sahen sich die Bischöfe angehalten, der Realität ins Auge zu blicken und die Kirche nicht noch mehr zu verwirren. Diplomatisch nichtssagende Deklarationen entsprechen nicht wirklich dem Evangelium. Jetzt freilich ist die Kirche als Ganzes gefordert, da eine solche Maßnahme zum Heil führen soll. Das Unheil zeigt sich schließlich zu Genüge und das Gesicht des Bösen braucht sich nicht mehr hinter wohlgestalteten Fassaden und Masken zu verbergen.
Einer ist heilig, einer der Herr
Der Patriarch von Antiochia, Johannes X., hat bei seinem Besuch der serbischen Kirche gesagt, was der orthodoxen Kirche am Herzen liegen sollte: die Einheit in Christus: "Was wird jetzt diskutiert über Fragen der Autonomie und der Autokephalie, wo wir doch vor allem die volle und kraftvolle Einheit aller orthodoxen Gläubigen so sehr benötigen?" [Quelle]
Dieses Wort zeigt deutlich, wie sehr sich Wissenschaft und Theologie unterscheiden. Der Phanar redet ohne Unterlass von Rechten und Pflichten, von den Folgen kanonischer Entscheidungen etc., doch orthodoxe Theologie sieht anders aus. Sie hat immer den dreieinen Gott im Blick. Dieser umfängliche "Blick" der Theologie manifestiert sich im Leben der Kirche. Die Kirche der Ukraine ist nicht einfach austauschbar, wenn die politische oder ideologische Meinung vorgibt, etwas darf nicht mehr sein, wie z.B. die Beziehung zum Moskauer Patriarchat. Die Wissenschaft ist blind für das, was die Theologie als grundlegend erkennt, nämlich die gläubige Gewissheit der Gegenwart Gottes in der Kirche (und darüber hinaus!). Es stellt sich die Frage, was man in Instanbul für eine Theologie vertritt, wenn sich die kirchliche Zugehörigkeit mit allen ihren Komponenten abhängig macht von politischen Ambitionen, menschlichen Aversionen und finanziellen Unterstützungen. Manchmal könnte sich die Frage einschleichen, ob man im Phanar, in der Stadt, die einst Konstantinopel war, den Gedanken noch zulassen möchte, wie es denn jenseits aller kanonistischen, politischen und finanziellen Gegebenheiten mit den Menschen aussieht, die für etwas kämpfen, was durch abgrundtiefe Abneigung motiviert ist. Das sicherlich ist kein Fundament, auf dem sich die kirchliche Einheit und friedvolles Zusammenleben aufbauen lassen. Die Konfusion ist so groß und die Verlautbarungen des Phanar sind so wenig verständlich, dass manche Stimmen gar von einer willentlichen Selbst-Anathematisierung des ökumenischen Patriarchats um eines unbekannten Gutes willen sprechen.
Dieses Wort zeigt deutlich, wie sehr sich Wissenschaft und Theologie unterscheiden. Der Phanar redet ohne Unterlass von Rechten und Pflichten, von den Folgen kanonischer Entscheidungen etc., doch orthodoxe Theologie sieht anders aus. Sie hat immer den dreieinen Gott im Blick. Dieser umfängliche "Blick" der Theologie manifestiert sich im Leben der Kirche. Die Kirche der Ukraine ist nicht einfach austauschbar, wenn die politische oder ideologische Meinung vorgibt, etwas darf nicht mehr sein, wie z.B. die Beziehung zum Moskauer Patriarchat. Die Wissenschaft ist blind für das, was die Theologie als grundlegend erkennt, nämlich die gläubige Gewissheit der Gegenwart Gottes in der Kirche (und darüber hinaus!). Es stellt sich die Frage, was man in Instanbul für eine Theologie vertritt, wenn sich die kirchliche Zugehörigkeit mit allen ihren Komponenten abhängig macht von politischen Ambitionen, menschlichen Aversionen und finanziellen Unterstützungen. Manchmal könnte sich die Frage einschleichen, ob man im Phanar, in der Stadt, die einst Konstantinopel war, den Gedanken noch zulassen möchte, wie es denn jenseits aller kanonistischen, politischen und finanziellen Gegebenheiten mit den Menschen aussieht, die für etwas kämpfen, was durch abgrundtiefe Abneigung motiviert ist. Das sicherlich ist kein Fundament, auf dem sich die kirchliche Einheit und friedvolles Zusammenleben aufbauen lassen. Die Konfusion ist so groß und die Verlautbarungen des Phanar sind so wenig verständlich, dass manche Stimmen gar von einer willentlichen Selbst-Anathematisierung des ökumenischen Patriarchats um eines unbekannten Gutes willen sprechen.
Freitag, 12. Oktober 2018
Moskau, Ukraine, Istanbul
Während momentan eine Entwicklung kirchenpolitischer Art stattfindet, bei der sich wenig evangeliumsgemäßes Vokabular (wie ein griechischer Theologe - Christos Yannaras - es formuliert) findet, geschweige denn, sich ein solches evangeliumsnahes Verhalten ausmachen lässt, hat ein anderer Bischof des vormaligen Konstantinopel eine Lesart vermitteln wollen, die ihm die stärkste Waffe gegen die Feinde an die Hand gab. Der hl. Johannes Chrysostomus formuliert es so:
"Meiner Meinung
nach wollten die beiden Brüder Jakobus und Johannes, als sie nach
den ersten Plätzen, den höchsten Ämtern und größten Ehren
strebten, Macht über die Anderen bekommen. Deshalb widersetzt sich
Jesus ihrem Anspruch, legt ihre geheimen Gedanken bloß und sagt zu
ihnen: „Wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller
sein“. Mit anderen Worten: „Wenn ihr die ersten Plätze und die
höchsten Ehren anstrebt, dann bemüht euch um den letzten Platz,
verwendet eure Anstrengung darauf, die Einfachsten, Bescheidensten
und Kleinsten von allen zu werden. Stellt euch hinter die Anderen.
Diese Tugend wird euch die Ehre verschaffen, die ihr anstrebt. Dafür
habt ihr ein leuchtendes Beispiel unter euch; denn auch „der
Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um
zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk
10,45). So werden euch Ehre und Ruhm zuteil. Seht doch, wie es bei
mir ist: ich strebe nicht nach Ruhm und Ehre, und doch ist das Gute,
das ich auf diese Weise bewirke, unendlich groß.“
Wir wissen es:
vor der Menschwerdung Christi, vor seiner Verdemütigung war alles
verloren und zersetzt; als er sich aber verdemütigte, richtete er
alles wieder auf. Er hat Flüche außer Kraft gesetzt, den Tod
vernichtet, das Paradies aufgeschlossen, die Sünde getötet, die
Riegel der Himmelspforten gelöst, um den Erstlingen unserer
Menschheit wieder Zugang zu verschaffen. Er hat den Glauben auf der
ganzen Welt verbreitet, den Irrtum vertrieben und die Wahrheit wieder
eingesetzt. Die Erstlinge unserer Menschheit hat er auf einen
königlichen Thron gesetzt. Christus ist der Urheber unendlich vieler
Wohltaten, die weder ich noch irgendein anderer Mensch recht
darstellen könnte. Vor seiner Erniedrigung kannten ihn nur die
Engel, aber nach seiner Selbstverdemütigung hat ihn die ganze
Menschheit erkannt."
(Homilie
gegen die Anomäer; 8,6; PG 48,776)
Was für ein Drama, wenn uns die Gesetze wichtiger sind als das Evangelium, das sie beseelt; wenn die vermeintlichen Traditionen höherstehen als die Menschen, denen sie helfen sollten; wenn Vorrechte sich heilsamer auswirken sollen als gelebte Realitäten!
Es wäre lohnenswert, zuallererst die geistliche Dimension einer Diözese im Blick zu behalten, deren konkrete Gestalt vom Menschen abhängt, der in ihr lebt: die Grundlage der orthodoxen Ekklesiologie.
Montag, 17. September 2018
Theologie oder Politik - Konstantinopel vs. Ukraine?
| Das Denkmal für den hl. Vladimir in Kiev - historische Ansicht (aus Wikipedia) |
Wer immer sich in den letzten Tagen einige internationale Meldungen zur Frage der ukrainischen Autokephalie zu Gemüte führen wollte, stieß unwiderruflich auf einige Kernaussagen: Es stehen viele Jahreszahlen im Raum, die für oder gegen eine Einmischung Konstantinopels in dieser Angelegenheit sprechen. Es stehen auch kirchendiplomatische Aussagen im Raum, die entweder zu Konstantinopels oder zu Moskaus Gunsten ausgelegt werden können. Es steht eben auch die Frage nach dem "zweiten" (Konstantinopel) und "dritten" (Moskau) Rom im Raum. Und dann steht eine weitere Frage im Raum, die wenig Beachtung findet: Warum sieht sich das Patriarchat von Konstantinopel als Oberhaupt "inter pares" der orthodoxen Patriarchate? Warum sieht es sich als ältestes Patriarchat mit jurisdiktioneller Autorität? Das hängt eng mit der Frage zusammen, warum Rom dieses Vorrecht der Ersten Stadt verloren hat: Kaiser und Orthodoxie sind dahin. Doch warum fordert dann Konstantinopel als Zweite Kaiserstadt dann noch Vorrechte ein, wo auch dort ein byzantinischer Kaiser schon lange nicht mehr existiert? Es sind das schwierige Fragen, die eng mit der Identität zusammenhängen, der man verbunden ist. Schließlich steht noch eine viel wichtigere Frage im Raum, die der Metropolit von Diokleia, Kallistos, ausgeworfen haben soll: Warum wird die Eucharistie zum Politikum? Warum wird sie instrumentalisiert? Warum hängt die Kirchengemeinschaft nicht mehr an dogmatischen Fragen, sondern an (kirchen-)politisch motivierten?
Eine Antwort ist zwar nicht einfach, doch zumindest kann sie versucht werden: Das Eingreifen Konstantinopels in der Ukraine hat sehr wohl dogmatische Konsequenzen! Einzig dieser Hintergrund rechtfertigt die harsche Entgegnung der Bischöfe des Moskauer Patriarchats. Die Ekklesiologie - also, sehr vereinfachend, die Verortung der Kirche als Leib Christi -, für die die Ortskirche der Ukraine einsteht, sieht nicht zuallererst die historischen Entwicklungen und richtige oder falsche Positionierungen innerhalb der kanonischen Gegebenheiten. Sie sieht vor allem die kirchliche Realität heute mit ihren unglaublich komplizierten Verschachtelungen, die zumeist eine Folge ambitionierter Selbstüberschätzung sind. Es wäre vermessen, einen Stein auf den einen oder den anderen zu werfen: die vielen Parteien haben ihre guten Gründe, die momentane Extremsituation noch zu forcieren. Genau das ist hingegen ein recht sicheres Kennzeichen dafür, dass man sich in Konstantinopel nicht bewußt ist, wie theologisch schmal der Grat sich erweist, auf dem man - guten oder weniger guten Gewissens - sich zu gehen entschlossen hat. Denn es geht nicht um russlandtreue oder ukrainetreue Patrioten, die kanonische Rechte einfordern. Es geht um das kostbarste, was die Orthodoxie mit Leben zu füllen hat, will sie nicht zur Religion verkommen: Wie kann die orthodoxe Kirche der Leib Christi sein und diese Geistesgabe verkörpern? Es gibt wenigstens einen Weg, der gangbar wäre: der echten Theologie im wahrsten Sinne des Wortes wieder zu glauben, und nicht der wortgewaltigen und imposanten. Die hat ihre Kraft längst eingebüßt, da sie Antworten gibt, wo das Lebenszeugnis gefragt wäre, und Fragen stellt, wo die Anbetung der einzige Zugang bleiben sollte.
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Der "provisorische" Charakter war eine ANTWORT auf einen Aufruf der russischen Hierarchie in der Emigration im Bruch mit der "heterogenen" Staatsmacht, die sich des heiligen Rußland und seiner monarchischen Regierung bemächtigt hatte.
In Folge dieses Aufrufs haben sich Träume und Hoffnungen mit dieser "kanonischen Absicherung" verbunden, deren schrittweise Aufhebung nur zu bedauern ist.
Aus aktuellem Anlass hat Vater BALACHOF, vom besagten russischen Departement für ausländische Angelegenheiten, uns den Vorschlag des Moskauer Patriarchats in Erinnerung gerufen, der als offene Tür zu verstehen ist für eine Wiederherstellung von "Norm und Form", wie es mir ein sehr lieber Mitbruder anvertraut hat.
Was Konstantinopel angeht, so zeigt sich ein gewisser "Zusammenhang" in puncto "PROVISORIUM", und [Konstantinopel] öffnet höflichst ein Hintertürchen des griechischen Refugiums für Interessierte. Es drückt seine Hochachtung aus für die normalisierte Situation der Kirche im nach-sovietischen Rußland und VOR ALLEM unterstreicht [Konstantinopel], dass es nicht die unnormale Existenz zweier unterschiedlicher Diözesen unter derselben Obedienz (die griechische Metropolie und das Erzbistum) akzeptiert, wie man auf zutiefst kuriose Weise in den Vereinigten Staaten sehen kann, wo man sogar auf drei Entitäten unter einer einzigen Bischofsmitra kommt."